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| 11:34 Uhr

Stadtumbau
Wohnungsleerstand zwingt zum Handeln

Liane und Bernhard Sander wohnen schon mehr als ihr halbes Leben in dem „Stadtmauer“-Plattenbau an der Albert-Schweitzer-Straße. 1971 sind sie in den Eingang Nummer 24 eingezogen. Nun soll dieses Haus abgerissen werden. Das Ehepaar bedauert das und will jetzt zur Tochter ins Erzgebirge ziehen.
Liane und Bernhard Sander wohnen schon mehr als ihr halbes Leben in dem „Stadtmauer“-Plattenbau an der Albert-Schweitzer-Straße. 1971 sind sie in den Eingang Nummer 24 eingezogen. Nun soll dieses Haus abgerissen werden. Das Ehepaar bedauert das und will jetzt zur Tochter ins Erzgebirge ziehen. FOTO: Catrin Würz / LR
Hoyerswerda. In Hoyerswerda soll ab 2019 ein weiterer Teil des Hochhauses „Stadtmauer“ im Zentrum abgerissen werden. Bewohner nehmen es mit Bedauern auf. Und mancher steht schon zum zweiten Mal auf der Umzugs-Liste.

Der Einwohnerschwund in Hoyerswerda ist nicht zu bremsen. Und inzwischen zwingt eine vierstellige Zahl an leerstehenden Wohnungen im Stadtgebiet das größte Wohnungsunternehmen der Region nun doch zu weiterem Rückbau. Nach gut einem Jahr „Funkstille“ zu diesem Thema hat die Wohnungsgesellschaft Hoyerswerda (WH) jetzt bekanntgegeben, wo der Abrissbagger als Nächstes zum Einsatz kommt: an einem Hochhaus im Zentrum der Neustadt.

Voraussichtlich 2019 sollen von dem im Volksmund als „Stadtmauer“ bezeichneten Elfgeschosser an der Albert-Schweitzer-Straße die Eingänge Nummer 23 und 24 von der Bildfläche verschwinden. 80 Wohnungen sind betroffen, von denen derzeit noch etwas mehr als die Hälfte vermietet sind. Stehen bleiben solle dagegen der Rest des elfgeschossigen Plattenbaus als Winkelgebäude, heißt es aus dem Wohnungsunternehmen.

In den Jahren 2013 und 2014 waren von dem riesigen Wohnblock schon einmal fünf Hauseingänge mit 200 Wohnungen weggenommen worden. Damals war auch Familie Möller betroffen - und einfach ein paar Eingänge weiter gezogen in die Nummer 24.  Doch viereinhalb Jahre später geht nun auch dieses Haus aus dem Bestand des Großvermieters - und die Möllers stehen erneut vor einem Umzug. „Angst haben wir davor zwar nicht. Denn wir haben mit der Wohnungsgesellschaft damals gute Erfahrungen beim Umzug gesammelt“, sagt Manfred Möller. Aber etwas Wehmut kommt doch auf. „In unserer neuen Wohnung in diesem Hochhaus wollten wir richtig alt werden“, sagt der 74-Jährige und deutet auf den schönen Ausblick aus dem Fenster. Aus der neunten Etage kann man südwärts über viel Grün bis ins Oberlausitzer Bergland schauen. „Das Haus liegt zentrumsnah und fußläufig zu Lausitz-Center und Lausitzhalle. Und mit dem Fahrstuhl ist es auch für Ältere sehr bequem. Es ist einfach schade“, sagt er.

Liane und Bernhard Sander, die ebenfalls im neunten Stock wohnen, haben die Nachricht vom geplanten Abriss ihres Hauses noch nicht richtig verdaut. Beide sind knapp über 80 und wohnen seit dem Jahr 1971 in der „Stadtmauer“ - also mehr als 45 Jahre. „Wir wären hier niemals von allein ausgezogen - nur mit den Beinen voran“, sagt Liane Sander im Scherz. Doch nun muss sich das Ehepaar mit diesem Gedanken beschäftigen - und da liegt es natürlich nahe, den Umzug gleich in die Nähe der Tochter zu machen. Die wohnt in Reichenau im Erzgebirge . „Es ist bloß enttäuschend, dass wir in diesem Fall wohl keine finanzielle Unterstützung vom Vermieter bekommen. Das finde ich nicht gerecht“, sagt die Achtzigjährige.

Die Wohnungsgesellschaft hat allen Mietern im Rahmen einer Mieterversammlung vor wenigen Tagen umfassende Unterstützung bei der Suche nach neuem passendem Wohnraum zugesagt. „Unsere Mieter werden in dem gesamten Prozess durch unsere Kundenbetreuer und das Vermietungsmanagement begleitet“, sagt WH-Geschäftsführer Steffen Markgraf. Jeder soll eine schöne und frisch renovierte Wohnung in den Beständen der WH finden. In zirka einem Jahr sollen die beiden zum Rückbau vorgesehenen Eingänge an der Albert-Schweitzer-Straße freigezogen sein.

Leerstehende oder nur noch teilweise vermietete Häuser verursachen für die Vermieter einen enormen Kostendruck. Müssen sie doch aus den Erlösen der vermieteten Wohnungen mitfinanziert werden. Ein Zustand, den die Wohnungsgesellschaft jetzt nicht weiter eskalieren lassen kann. Etwa 1000 Wohnungen und damit alarmierende 11,8 Prozent stehen derzeit im Bestand des städtischen Unternehmens leer. WH-Chef Steffen Markgraf kann zwar auf zehn Prozent mehr Zuzüge in den Wohnungsbestand verweisen als noch im Jahr 2016. Dennoch bleibt die Schere zwischen Abgängen und Neuvermietungen groß. Weitaus mehr Mieter scheiden durch einen Umzug in ein Altenpflegeheim oder weil sie sterben aus, als neue Mieter generiert werden können. Das untersetzt auch die Einwohnerstatistik von Hoyerswerda: Jedes Jahr sinkt die Zahl der Einwohner allein in der Hoyerswerdaer Kernstadt mit Alt- und Neustadt um etwa 300 bis 450 Menschen. Was nichts anderes heißt, als dass jedes Jahr rund einhundert leerstehende Wohnungen im ganzen Stadtgebiet neu hinzukommen.

Von der „Stadtmauer“ am Lausitzcenter-Kreisel will die Wohnungsgesellschaft Hoyerswerda zwei weitere Eingänge zurückbauen lassen. Der Rest des Elfgeschossers soll dann als Winkel zur Hufelandstraße weiter Bestand haben.
Von der „Stadtmauer“ am Lausitzcenter-Kreisel will die Wohnungsgesellschaft Hoyerswerda zwei weitere Eingänge zurückbauen lassen. Der Rest des Elfgeschossers soll dann als Winkel zur Hufelandstraße weiter Bestand haben. FOTO: Catrin Würz / LR