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Wohnen trifft auf Industriekultur

Museumsleiterin Kirstin Zinke erklärt bei einem Rundgang mit Werkstattteilnehmern die Pläne zum Umbau der Energiefabrik.
Museumsleiterin Kirstin Zinke erklärt bei einem Rundgang mit Werkstattteilnehmern die Pläne zum Umbau der Energiefabrik. FOTO: Mandy Fürst/mft1
Knappenrode. Nach der Präsentation einer Machbarkeitsstudie im Frühjahr gingen die Planer und Macher des Umbaus der Energiefabrik Knappenrode am Samstag mit einer Bürgerwerkstatt an die Öffentlichkeit. Thema war die sinnvolle Rückkopplung der Wohnsiedlung an das Industriemuseum. Mandy Fürst

"Was macht Sie stolz auf ihren Ort? Und wo sehen Sie die wunden Punkte?", fragt Heidi Pinkepank vom Institut für Neue Industriekultur INIK die Werkstattteilnehmer, als längst die ersten Hände hochgehen. Dass immer wieder der Begriff des Koloss für die Fabrik falle, tue ihr weh, hebt die Ortsvorsteherin a.D. Karin Turek als Erste an. Außerdem sei die fahrradtechnische Verbindung in die Nachbarorte zu bedenken.

Und Baugrundstücke für junge Leute müssten unbedingt her. Das bestätigt Doreen Lapstich. Seit zwei Jahren sucht die 32-Jährige mit ihrem Lebensgefährten ein Grundstück in Knappenrode. Doch der mündlich befürwortete Bauantrag wurde schlussendlich abgelehnt und Alternativen gibt es nicht. Dabei sehen viele Knappenroder in der Ansiedlung von Eigenheimen eine gute Möglichkeit, den baulichen Kontakt zwischen Ort und Werk wieder herzustellen. Gunther Schley spricht mit Blick auf das marode Wegenetz von "Erlebnis-Gehsteigen". Er würde das Geld lieber erst in das Ortsbild investieren. Michael Renger, der vor vier Jahren aus Wittichenau zugezogen ist, vergleicht den Eindruck am Bebel-Platz mit der Nachkriegszeit. Ordentlich strukturierte Neubauten würden ein positiveres Bild abgeben, als ungepflegte Grünanlagen.

Mirko Leuffert mahnt an, die Identität des Ortes im Blick zu behalten. Der CDU-Ortschaftsrat findet, dass viel gemeckert, aber wenig beigetragen wird. Er wünscht sich aber auch mehr Interesse vonseiten der Verwaltung in Hoyerswerda für Knappenrode als "gleichwertigen" Stadtteil.

Mehr als drei Stunden lang wird unter verschiedensten Aspekten auf Augenhöhe diskutiert. Die Bürgerwerkstatt soll eine Beteiligung der Einwohner am Umbau des Museums und insbesondere der nichtmusealen Bereiche ermöglichen und kreative Mitstreiter ins Boot holen. Nur noch sechs bis sieben der bisher 25 Hektar großen Fläche werden künftig zum Museum gehören. Den Kern bildet eine neu gestaltete 1 400 Quadratmeter große Ausstellungsfläche rund um die bestehende Ofen- und Feuerstättenschau. Einige Gebäude werden frei und können neu bespielt werden.

Inklusive der Offiziellen von Landkreis, Stadtverwaltung und Stadtrat sitzen etwa 40 Teilnehmer in diesem ersten von insgesamt drei Workshops. Der Kreistag habe sich deutlich zur Entwicklung von Knappenrode positioniert, berichtet Birgit Weber, Beigeordnete des Landrates. Bauamtsleiter Dietmar Wolf hielt allen Beteiligten zugute, nach der Ablehnung des ersten Antrags auf Aufnahme in das Förderprogramm "Nationale Projekte des Städtebaus" im Jahr 2014 einen langen Atem bewiesen zu haben, was ein Jahr später mit der Bewilligung von 2,5 Millionen Euro Zuschuss zum 7-Millionen-Vorhaben belohnt wurde. Stadtentwickler Michael Köllner lenkte das Augenmerk auf die bauliche Lücke zwischen Bebel-Platz und Werkstor. Die Entwicklung der Achse biete Potenzial für kreative Start-ups, müsse aber auch entsprechend vermarktet werden. Ortsvorsteher Otto-Heinz Lehmann sieht im laufenden Prozess eine Kurskorrektur zum Auseinanderdriften der Entwicklungen des Werkes und seiner Wohnsiedlung, die seit Entstehung vor 100 Jahren immer eng miteinander verknüpft war. Er hoffe nun auf eine neue stabile Verbindung, sagt Lehmann und meint den Zusammenhalt von Werk, Ort und Einwohnerschaft. Die nächste Abstimmungsrunde mit den Bürgern ist für März 2017 vorgesehen. Im November 2017 soll die abschließende Planung vorgestellt werden. Bis zur Fertigstellung des Gesamtvorhabens Ende 2018 bleibe dann nicht mehr viel Zeit, so Kirstin Zinke.

Ob schlussendlich der Ort vom Werk oder das Werk vom Ort profitieren könne, müsse die Zeit zeigen, sagt der Knappenroder Jens Frühauf. Sowohl die Nähe zur Natur als auch die Energiefabrik seien zeigenswert. Er warnt, dass ein vorschneller Rückbau identitätsstiftender Kernelemente, wie beispielsweise des Kulturhauses, nicht wieder gutzumachen sei.

In weiteren Visionen werden Szenarien einer schiffbaren Verbindung vom Graureihersee ins Lausitzer Seenland und von zwei Hausärzten im Ort gemalt. Eine Einsicht scheint allen gemein: Ohne Fabrik würde Knappenrode wohl in Vergessenheit geraten.