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| 18:28 Uhr

Förderung für Schafe und Ziegen
Die Weidetierprämie erntet Kritik

 Schäfermeister Thomas Muche (52) und seine Altdeutsche Hütehündin Lissy (8) bewachen die Schafherde auf der Innenkippe Spreetal auch vor dem Wolf. Eine Weidetierprämie des Landes soll ihre Arbeit unterstützen.
Schäfermeister Thomas Muche (52) und seine Altdeutsche Hütehündin Lissy (8) bewachen die Schafherde auf der Innenkippe Spreetal auch vor dem Wolf. Eine Weidetierprämie des Landes soll ihre Arbeit unterstützen. FOTO: LR / Rita Seyfert
Hoyerswerda. Wenig Geld, kaum Urlaub und Wolf-Attacken: Immer mehr Schäfer werfen ihren Job hin. Eine Weidetierprämie soll den Hirten-Beruf jetzt retten. Für viele kommt die Hilfe des Landes jedoch viel zu spät. Von Rita Seyfert

Schäfermeister Thomas Muche (52) schaut gen Himmel, in der Hand hält er einen Wasserschlauch. „Heute soll es regnen“, sagt er. Nur trockene Kräuter wachsen auf der Koppel. Jeden Tag füllt er die 90-Liter-Bottiche für seine Coburger Fuchsschafe.

Mit kargen Zeiten kennt sich der Hirte aus. Wenig Geld, kaum Urlaub, seit Jahren muss sein Berufsstand kämpfen, auch gegen den Wolf. Der einstige Traumjob büßt immer mehr an Attraktivität ein. Erst jüngst hat er erfahren, dass wieder ein Schäfer hingeworfen hat. Mehrfach war seine Herde vom Wolf attackiert worden.

 Seit Tagen kein Regen. Problematisch, denn je trockener der Boden, desto mehr sinkt die Leitfähigkeit vom Elektrozaun. Deshalb muss der Schäfer Muche den Erdanschluss täglich wässern.
Seit Tagen kein Regen. Problematisch, denn je trockener der Boden, desto mehr sinkt die Leitfähigkeit vom Elektrozaun. Deshalb muss der Schäfer Muche den Erdanschluss täglich wässern. FOTO: LR / Rita Seyfert

Die traurige Wahrheit lautet, dass fast niemand mehr Schafe halten will. Die sächsischen Tierbestände schrumpfen. 2018 sank die Zahl der Schafe gegenüber dem Vorjahr um mehr als fünf Prozent.

Weidetierprämie soll Wolfs-Schäden ausgleichen

Eine im Juli in Sachsen beschlossene Prämie soll das jetzt ändern. Die neue Förderrichtlinie soll Mehraufwendungen der Schaf- und Ziegenhalter ausgleichen, die durch die Anwesenheit des Wolfes entstehen.

Vorgesehen ist, für jedes Schaf eine jährliche Prämie als „De-minimis-Beihilfe“ von 40 Euro zu gewähren. Heißt, die Förderung ist nach oben beschränkt.

 Die Cobruger Fuchsschafe auf der Innenkippe Spreetal trinken täglich vier bis sechs Liter Wasser.
Die Cobruger Fuchsschafe auf der Innenkippe Spreetal trinken täglich vier bis sechs Liter Wasser. FOTO: LR / Rita Seyfert

In zwei Jahren können nur maximal 20 000 Euro Prämie gewährt werden. Demnach gibt es das Geld nur für höchstens 250 Tiere pro Jahr.

Schäfer Muche findet die Förderung „wunderbar“ - aber eigentlich komme sie viel zu spät und ist zu wenig. „Das ist nur ‚Ruhig-Stellen’, damit niemand mehr was sagt“, vermutet er.

Den kleinen Schäfern hilft die Prämie nämlich überhaupt nicht. Problematisch finde er, dass Kleintierhalter durchs Raster fallen. Denn antragsberechtigt sind nur Hirten mit mindestens 50 Tieren.

„Der Wolf ist seit 2000 da“

Mit dem Wolf habe die neue Richtlinie aus seiner Sicht kaum zu tun. „Der Wolf ist seit 2000 da“, sagt er. Fast 20 Jahre habe die Politik mit den Schultern gezuckt. Und nun besinne man sich und führe die neue Förderung ein. Aus Schäfer Muches Sicht gibt es dafür nur einen Grund - und zwar die bevorstehende Wahl.

„SPD, CDU und die Grünen können sich jetzt auf die Schulter klopfen“, sagt er. Das seien aber auch die Parteien, die sich 2005 nicht für den Erhalt der damals abgeschafften Mutterschutzprämie eingesetzt haben. „Klar hat die Politik jetzt was für uns getan, aber die haben es ja auch verbockt“, ist er der Meinung.

Zwar wird auch die Anschaffung wolfssicherer Zäune seit vielen Jahren durch den Freistaat unterstützt. Doch profitiert hätten davon nur die Firmen, die inzwischen die doppelten Preise kassieren.

„Wir Schäfer haben nichts davon“, sagt er. Und auch von der Weidetierprämie werden wohl die wenigsten in den Urlaub fahren. „Viele stecken das Geld in ihre Herdenschutzhunde“, sagt er.

Wolfs-Angriffe auf Schafsherden durch Einzelgänger

Inzwischen hat der Hirte die Trinkgefäße für seine 150 Schafe mit Wasser gefüllt. Auch den Erd­anschluss der Stromanlage muss er dieser Tage täglich wässern. Denn je trockener der Boden, desto mehr sinkt die Leitfähigkeit vom Elektrozaun. 4000 Volt liegen an.

„Schon viermal war der Wolf da“, berichtet er. Einmal besuchte er die Herde bei den Windrädern, einmal auf der Weidefläche zwischen Sabrodter und Spreetaler Kanal, und zweimal an der ehemaligen Müllkippe.

„Ruck zuck gräbt sich der Räuber einen Tunnel“, erzählt er. Der sandige Boden ist weich, und die unterste Litze vom Elektrozaun führt keinen Strom.

„Vermutlich ein Einzelgänger“, sagt Schäfer Muche. „Ein Rudel hätte mehr Schaden angerichtet.“ Meist passiert es im September, Oktober, also dann, wenn die Jungtiere aus ihrem Territorium verstoßen werden.

Das Schema ähnle sich. Jedes Mal riss der Wolf zwei Schafe durch einen Biss in die Kehle. Eins ließ er stets liegen, vom zweiten frass er nur den Pansen und etwas von der Keule.