Heute dürfen das rund hundert Jahre alte Gebäude nur wenige Leute betreten. Die Unternehmens-Pressestelle in Berlin lehnt auch eine Zutrittserlaubnis für Zeitungsreporter höflich, aber sehr bestimmt ab. Postgeheimnis! Nur: Wir sind in Hoyerswerda. In so einer Kleinstadt bleibt nichts lange geheim. Und so ist zu hören, dass die Schalterhalle noch so aussieht wie vor sechs Jahren, als die Post für ihre Kunden schloss. Der Fußboden hat Karo-Fliesen, der Brief- und der Paketschalter sind von hölzernen Ornamenten in weiß-grün umgeben. An der Südwand befindet sich der alte, braune Postfach-Schrank mit der eigens dafür gültigen Postleitzahl 02961. Nur steht der Raum inzwischen voller Regale. Er ist heute ein Lager.
Das Postgebäude steht unter Denkmalschutz. Dennoch haben Schmierfinken den Klinker-Sockel durch Graffiti verunziert. Die Gedenktafel, die daran erinnert, dass in dem Haus einst als Sohn des Postmeisters "der Erfinder moderner Rechenmaschinen” Konrad Zuse gelebt hat, ist noch sauber, wenngleich nicht ganz korrekt. Zuses Schul-Zeit in Hoyerswerda dauerte ein Jahr länger als auf dem Schild vermerkt, nämlich bis 1928. Von der Postmeister-Wohnung ist aber ohnehin nichts übrig. Das Obergeschoss steht weitgehend leer, wird nur ab und an benutzt, wenn etwa die Krankenkasse Hoyerswerdas Postler beraten will. Eine Etage tiefer dagegen herrscht dem Vernehmen nach seit gut drei Jahren wieder einigermaßen reger Betrieb. Mitunter brennt abends Licht. In den Büros der Mitteletage sitzen die gut ein dutzend Leute des regionalen Zustellstützpunktes. Sie sind dafür verantwortlich, dass Briefe und Pakete korrekt nach Senftenberg, Ruhlan d, Königswartha oder Niesky gehen. Die Abkürzung ZSPL, die unten im Hof an der Klingel steht, bedeutet "Zustellstützpunkt mit Leitungsfunktion”.
Dürfte man die Post betreten, könnte man im Parterre am ehesten erkennen, welchem Unternehmen das Gebäude gehört. Es heißt, dass in einem großen Raum, von der einstigen Schalterhalle durch eine Doppeltür getrennt, drei Zusteller arbeiten. Sie sortieren dort morgens die Post, packen ihre Taschen und schwingen sich dann aufs Fahrrad, um ihre Zustellrunden durch die Altstadt anzutreten.
Vermutlich wäre es ein Leichtes, das Gebäude rasch zu räumen. Denn die Post hätte wohl nichts dagegen, es zu verkaufen. "Wenn sich ein ernst zu nehmener Interessent findet, werden wir mit ihm sprechen”, sagte Postsprecherin Sylvia Blesing vor gut einem Jahr. Zwar dürfte der Denkmalschutz Umbauten, Zuschnittsänderungen oder auch andere Fassadengestaltungen beschränken und somit verteuern, doch immerhin sind Lage und Form des Hauses interessant. Jedenfalls findet das Sylvia Blesing. Wie es geht, zeigt die ehemalige Hauptpost an der Bernsdorfer Thälmann-Straße, die inzwischen Privateigentum ist. Und Familie Steuer hat wahrlich ganz und gar nichts dagegen, wenn jemand zu ihrem Fernsehgeschäft oder zur Postagentur Zutritt sucht.

Hintergrund Friedrichsstraße 48
1895 nach mehrjährigem Streit um den Standort als Hauptpost-Neubau an der damaligen Bahnhofstraße eröffnet
1923 zog, als Sohn von Postmeister Emil Zuse, Konrad Zuse ein
2001 ist das Postamt für den Kundenverkehr geschlossen worden
2004 zog der Zustellstützpunkt (ZSPL) in das Gebäude ein
2005 wurde das Dach neu gedeckt