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| 11:37 Uhr

Wölfe im Seenland
Wo Wölfe Filmstars werden

Fast täglich treffen sich Naturfreunde mit ihren Kameras am Aussichtspunkt oberhalb des Bergener Sees.
Fast täglich treffen sich Naturfreunde mit ihren Kameras am Aussichtspunkt oberhalb des Bergener Sees. FOTO: Richter-Zippack
Bergen. Rund 30 Wolfsrudel leben in der Lausitz. Dennoch ist die Chance, einen Isegrim zu sehen, verschwindend gering. Doch mancherorts präsentieren sich die Tiere häufiger als anderswo. Auch Hirsche und Seeadler können beobachtet werden. Von Torsten Richter-Zippack

Ein Wintermorgen im Lausitzer Seenland unweit von Bergen: Das Thermometer zeigt minus zehn Grad Celsius, der böige Ostwind scheint die Kälte noch zu verschärfen. Helge Schulz und sein Kollege haben schon gegen 6 Uhr Position am Aussichtspunkt am Bergener See bezogen. Der passionierte Naturfotograf aus Schleswig-Holstein trotzt den eisigen Temperaturen unter anderem mit drei Hosen und zweimal Unterwäsche. Doch sein Wunschtier will sich an diesem Tag einfach nicht blicken lassen, nämlich der Wolf. „Manchmal ist es halt so. An anderen Tagen habe ich dann mehr Glück“, resümiert Helge Schulz mit norddeutscher Gelassenheit. Bislang habe er lediglich einen Seeadler und ein Goldhähnchen vor sein 800er-Objektiv bekommen. Von den im Gebiet heimischen Wölfen ist weit und breit nichts zu sehen.

Dabei gilt der Aussichtspunkt am Südufer des Bergener Sees als das Beobachtungs-Eldorado für Wolfsfreunde aus der Lausitz, Deutschland und Europa. Stephan Kaasche steuert zwei- bis dreimal in der Woche die hölzerne Aussichtsplattform rund drei Kilometer nordwestlich von Bergen an. Dem aus Hoyerswerda stammenden Referenten des Kontaktbüros Wolfsregion Lausitz sind oberhalb des Bergener Sees die mit faszinierendsten Filmaufnahmen seines Lebens gelungen. „Nämlich Wölfe bei der Paarung aufzunehmen“, sagt Kaasche. Seinen Angaben zufolge ist dies in Mitteleuropa bislang kaum jemandem geglückt.  Darüber hinaus hat der Naturfreund Wölfe im Bild festgehalten, die eine Rotte Wildschweine jagen. „Leider habe ich nicht mehr gesehen, ob tatsächlich ein Schwein geschlagen wurde“, bedauert Stephan Kaasche.

Er bezeichnet den Bergener Aussichtspunkt nicht nur als lohnende Möglichkeit für Wolfssichtungen, sondern ebenso als absoluten Traum für Naturbegeisterte schlechthin. „Wer aufmerksam ist, kann durchaus auch Seeadler, Kraniche, Kornweihen, Raubwürger, Ziegenmelker, Wiedehopfe, Hirsche, Rehe und Wildschweine erblicken. Besonders schön ist es hier im Frühsommer. Dann gibt es die höchste Artenvielfalt.“

Das weiß auch Naturfotograf Helge Schulz: „So ein großes Artenspektrum gibt es bei uns in Schleswig-Holstein schon lange nicht mehr. Selbst für ein Rudel Hirsche muss ich bis nach Dänemark fahren.“

Allerdings kämen viele Besucher mit falschen Vorstellungen zum Bergener See. „Manche glauben, sie müssten dort nur fünf Minuten warten, und dann käme ein Wolf anspaziert, am besten nur ein paar Meter entfernt“, weiß Stephan Kaasche aus seinen Erfahrungen. Wer wirklich die Graupelze sehen will, solle vor allem Zeit mitbringen. Am besten gleich eine ganze Woche. „Wer dann jeden Morgen hierher kommt, hat gute Chancen“, macht der Experte Mut. „Und das Fernglas nicht vergessen.“ Denn meist laufen die Graupelze in mehreren hundert Metern Entfernung vorbei.

Warum sich die Wölfe ausgerechnet rund um den Bergener See relativ häufig präsentieren, kann auch Dr. Alexander Harter, Geschäftsführer der Naturschutzgroßprojekt Lausitzer Seenland gGmbH, nicht mit Sicherheit sagen. Aber: „Das Prinzip viel sehen, ohne gesehen zu werden, könnte der Grund sein. Denn die Großraubtiere nehmen uns Menschen am Aussichtspunkt nicht wirklich wahr, es sei denn, der Wind steht günstig. Darüber hinaus gibt es die übersichtliche, da offen gehaltene Landschaft mit spärlichem Bewuchs. Ferner tragen die Abgeschiedenheit und die Lage am Rand des bergbaulichen Sperrgebietes dazu bei, dass dort kaum Menschen zu finden sind.“

Bei den Wölfen handele es sich um das Knappenroder Rudel, dass südlich des Scheibe-Sees sein Zuhause hat. Dieses Gebiet ist für die laufgewandten Tiere nur einen Katzensprung vom Bergener See entfernt. Die Knappenroder Wölfe haben nach Angaben des Rietschener Kontaktbüros im Jahr 2016 den Lebensraum des Seenland-Rudels eingenommen, dass es heute nicht mehr gibt. Die Familie besteht nach Angaben von Stephan Kaasche aus aktuell zwei Alt- und fünf Jungtieren.

Indes spielten die Lausitzer Wölfe in der hiesigen touristischen Werbung so gut wie keine Rolle, sagt Kathrin Winkler, Geschäftsführerin des Tourismusverbandes Lausitzer Seenland. Der von den Touristikern kreierte Wolfsradweg belege von den insgesamt elf Thementouren den achten Platz. Lediglich 83 Gäste hätten sich die entsprechenden Infos zum Wolfsradweg in den vergangenen zwei Jahren heruntergeladen. „Unsere Erfahrung zeigt, dass der Wolf weniger mit dem Lausitzer Seenland, sondern eher mit der Oberlausitz allgemein in Verbindung gebracht wird“, erklärt Kathrin Winkler.