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Wittichenauer feiern ihren Osterschatz

Während der österlichen Reitermesse wurde eine Ewiglichtampel, angefertigt im Jahr 1794 in Dresden, wieder in Dienst genommen. Für die Restaurierung hatten die Reiter im vergangenen Jahr ihre Kollekte zur Verfügung gestellt. Foto
Während der österlichen Reitermesse wurde eine Ewiglichtampel, angefertigt im Jahr 1794 in Dresden, wieder in Dienst genommen. Für die Restaurierung hatten die Reiter im vergangenen Jahr ihre Kollekte zur Verfügung gestellt. Foto FOTO: T. Richter-Zippack/trt1
Wittichenau. Wenn um die 450 Männerstimmen das Osterlied "Nun ist erfüllet, nun ist vollbracht" anstimmen, dürfte es in der Wittichenauer Pfarrkirche niemanden geben, den dieser Moment kalt lässt. Die frühmorgendliche Reitermesse verspricht vor allem eines: Gänsehaut. Torsten Richter-Zippack

Es ist 4.30 Uhr am Ostermorgen. Tiefe Stille liegt über dem Land. Kaum ein Mensch ist um diese Zeit in Hoyerswerda auf Achse. Ganz anders wenige Kilometer südlich in Dörgenhausen. Immer dichter wird der Verkehr. Nur per Kolonne geht es ins benachbarte Wittichenau. Im Städtchen selbst sind bereits Dutzende Menschen auf den Beinen. Alle haben das gleiche Ziel -die katholische Pfarrkirche Maria Himmelfahrt.

Vor allem Männer im schwarzen Gehrock strömen ins Gotteshaus. Nur sie dürfen sich an diesem Morgen in die hölzernen Bänke setzen. Jedes der insgesamt neun Wittichenauer Pfarrdörfer hat seine eigenen Reihen. Kurz vor 5 Uhr wird ausnahmslos jeder Platz besetzt sein.

Den rund 450 Kreuzreitern wird zum ersten Mal das Wunder der Osternacht verkündet. "Christ ist erstanden", sagt Pfarrer Mercin Delenk. Dann der Moment, auf den alle gewartet haben: "Nun ist erfüllet, nun ist vollbracht", singen die kräftigen Stimmen Hunderter Kreuzreiter. Es dürfte kaum jemanden in der Kirche geben, den diese ergreifende Stimmung kalt lässt. Das ist das wahre Ostern, fern ab von jeglichem Kommerz.

Worte mit Wirkung

Worte, die wirken, findet auch Kaplan Daniel Noack in seiner Predigt: "Wenn Sie heute aufs Pferd steigen, dann ist das kein rein äußerlicher Akt. Sondern ein Akt aus dem Innersten Ihrer Herzen", spricht der Geistliche zu den Reitern. Mehr noch: "Ihr Frack kann noch so perfekt sitzen, Ihr Pferd kann noch so gestriegelt sein, aber wenn Sie nicht aus tiefster Überzeugung reiten, dann lassen Sie es sein. Nur wenn die Auferstehungsbotschaft wirklich aus Ihren Herzen kommt, kommt diese Botschaft auch in den Herzen der Menschen an den Straßen- und Wegesrändern an."

In diesem Jahr hat das österliche Kreuzreiten von Wittichenau nach Ralbitz bereits zum 475. Mal stattgefunden. Wie lange es bereits die frühmorgendliche Reitermesse gibt, vermag wohl niemand mit Gewissheit zu sagen. Aber es gilt als sicher, dass dieser Gottesdienst wesentlich jüngeren Datums ist. Vor 475 Jahren wurde in der gesamten Pfarrgemeinde und in Wittichenau selbst ausnahmslos Sorbisch gesprochen. Heute ist es nach Angaben von Pfarrer Delenk nur noch ein Drittel. So sei es letztendlich zur sprachlichen Teilung der Kreuzreiterprozession gekommen.

Die heutige Sprachregelung der österlichen Reitermesse stamme aus dem Jahr 1972. Der Gottesdienst werde dreisprachig -deutsch, sorbisch und lateinisch - gehalten. Er gelte in seiner Art als einzigartig auf der Welt. Vergleichbar sei die Dankesmesse der Kreuz- und Osterreiter am Dienstag nach dem Auferstehungsfest in der Wallfahrtskirche Rosenthal. "Wir haben in Wittichenau also einen richtigen Schatz", bringt es Mercin Delenk auf den Punkt.

Traditionelle Ehrung

Tradition besitze die Ehrung langjähriger Reiter. Im Jahr 2015 ist der Sollschwitzer Dr. Peter Bresan bereits zum 70. Mal dabei. Weitere Jubilare, fünf aus der Stadt und sieben aus den Pfarrdörfern, erhalten entsprechende Anerkennungen. Die jeweiligen Kränze werden immer auf der Herzseite des Gehrocks befestigt. Für 25 Jahre gibt es Silber, für 40 Jahre eine Urkunde und für 50 Jahre Gold. Das Kränzchen von Peter Bresan enthält auch die Farbe Grün, zur Erinnerung an seinen ersten Ritt. Der war am 21. April 1946. Rein grüne Kränze bekommen die Neulinge ans Revers geheftet, die also zum ersten Mal dabei sind.

Dabeisein ist alles

Neben den Reitern lassen sich auch zahlreiche Angehörige sowie weitere Gläubige die frühmorgendliche Messe nicht entgehen. Dass sie dabei stehen müssen, nehmen die Menschen gern in Kauf. "Hauptsache, dabei sein", sagt jemand. Der Leiter der Wittichenauer Kreuzreiterprozession, Steffen Kobalz, schätzt, dass um die 700 Leute der Messe beiwohnen. Als diese zu Ende geht, wird es draußen bereits hell. Die Himmelsfärbung verspricht einen sonnigen Ostertag. Die Vögel beginnen zu singen. Eine ältere Frau meint Osterchoräle in den Stimmen der Amseln, Meisen und Spatzen zu hören.

In manchen Jahren, wenn das Fest später ist, dringen noch während des Gottesdienstes die ersten Sonnenstrahlen ins Kircheninnere. Dann scheint die Auferstehungsgeschichte nicht mehr nur ein bloßer Bibeltext zu sein, sondern greifbar nahe, und zwar in der Pfarrkirche Maria Himmelfahrt zu Wittichenau.