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| 21:54 Uhr

Lausitzer Osterbräuche
Prozessionen, Osterfeuer, Reitermesse

 Die frühmorgendliche Reitermesse in der Wittichenauer Pfarrkirche mit rund 400 Reitern ist in der Lausitz einzigartig.
Die frühmorgendliche Reitermesse in der Wittichenauer Pfarrkirche mit rund 400 Reitern ist in der Lausitz einzigartig. FOTO: Torsten Richter-Zippack
Wittichenau. Um Ostern gibt es in und um Wittichenau eine Vielzahl von Bräuchen und Traditionen. Deutsche und Sorben leben den Leidensweg Jesu und feiern die Auferstehung des Herrn. Von Torsten Richter-Zippack

Ist von Wittichenau und Ostern die Rede, dürften die meisten an das Kreuz- beziehungsweise Osterreiten am Ostersonntag denken. Rund 400 deutsche und sorbische Reiter begeben sich auf ihren Pferden in die Nachbargemeinde Ralbitz, um dort die österliche Botschaft der Auferstehung des Herrn zu verkünden. Im Gegenzug kommen die Ralbitzer nach Witttichenau. Tausende Gäste aus nah und fern zieht dieser Brauch, der bereits seit dem Jahr 1541 belegt ist, alljährlich in seinen Bann. Darüber hinaus gibt es in der sorbischen Oberlausitz vier weitere Prozessionspaare, eine Prozession von Bautzen nach Radibor und zurück sowie das Saatreiten am Kloster St. Marienthal bei Ostritz.

Doch kurz vor und direkt zu Ostern gibt es in Wittichenau eine ganze Anzahl weiterer Bräuche, welche die tiefe Verbundenheit der Einheimischen mit der katholischen Kirche symbolisieren. Bereits in der österlichen Bußzeit, die am Aschermittwoch, also gut sechs Wochen vor dem Ostersonntag, beginnt und am Mittwoch der Karwoche endet, stellen die Gläubigen den Kreuzweg Jesu nach, sagt Pfarrer Gabriel Nawka, der vom Bistum Dresden-Meißen nach Wittichenau für die Seelsorge in sorbischer Sprache ausgeliehen ist. In den sieben zur Wittichenauer katholischen Pfarrgemeinde gehörenden Dörfern begeben sich die Einwohner von Kreuz zu Kreuz. Die Kruzifixe sind in der katholischen sorbischen Oberlausitz sehr häufig vertreten. Sie befinden sich an vielen Wohnhäusern sowie nicht selten auch an Wegrändern.

Am Palmsonntag gestalten die Gläubigen den Einzug Jesu Christi in Jerusalem nach. Zunächst findet am Missionskreuz unmittelbar neben der Wittichenauer Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt die Palmenweihe statt. Statt der exotischen Pflanzen kommen Weidenzweige zum Einsatz, wie Gabriel Nawka anmerkt. „Das Problem in diesem Jahr ist, dass sie wegen des milden Wetters bereits sehr zeitig geblüht haben“, erklärt der Kirchenmann. Anschließend ziehen die Gläubigen im Uhrzeigersinn um das Kirchengebäude, um sich darin zum Gottesdienst zu versammeln.

 Die Wittichenauer Osterreiter-Prozession, hier auf dem Marktplatz, gehört zu den größten in der Lausitz.
Die Wittichenauer Osterreiter-Prozession, hier auf dem Marktplatz, gehört zu den größten in der Lausitz. FOTO: Torsten Richter-Zippack

Darüber hinaus besteht am Palmsonntag für die männlichen Gemeindeglieder die letzte Möglichkeit, sich für das Kreuz- beziehungsweise Osterreiten schriftlich anzumelden. „Das ist Pflicht. Ansonsten darf nicht mit geritten werden“, erklärt Gabriel Nawka. Neulinge, also Jugendliche und Männer, die das erste bis fünfte Mal am Osterreiten teilnehmen, proben während der Bußzeit wöchentlich die Auferstehungslieder und Choräle, um am Ostersonntag textsicher zu sein.

In den ersten Tagen der Karwoche strömen viele Wittichenauer zur österlichen Beichte in die Pfarrkirche. „Dies dient der geistigen Vorbereitung auf Ostern“, erklärt Seelsorger Johannes Magiera. Mehr noch: „Die österliche Beichte ist die wichtigste des gesamten Jahres.“

Am Karfreitag erfolgt nach der Liturgie die symbolische Grablegung. Dazu wird eine Figur Jesu Christi im hinteren Teil der Pfarrkirche ins Grab eingelassen. Auf diesem wird die Monstranz, ein wertvolles liturgisches Schaugerät, positioniert. Die Grablegung ist nach Angaben von Johannes Magiera ein ganz typisch sorbischer Brauch, den es in anderen Teilen Deutschlands so nicht gibt. Nach dem sich daran anschließenden Gebet beginnt die nur in Wittichenau übliche Kreuzverehrungsprozession. Zunächst laufen nur die deutschen Gläubigen durch die Stadt. Die Sorben treffen sich hingegen um 19 Uhr in der Pfarrkirche zur Leidensstunde. Danach stoßen sie womöglich zur Prozession dazu, die sich durch die Altstadt zieht.

 Wittichenau ist eine der ganz wenigen katholischen Städte in der Lausitz und in Sachsen. Zu Ostern wird dort ein äußerst vielfältiges Brauchtum gelebt.
Wittichenau ist eine der ganz wenigen katholischen Städte in der Lausitz und in Sachsen. Zu Ostern wird dort ein äußerst vielfältiges Brauchtum gelebt. FOTO: Torsten Richter-Zippack

Eine weitere Besonderheit des Karfreitages ist, dass das knapp zwei Wochen zuvor verhüllte Kreuz des Herrn im Gotteshaus wieder gezeigt wird. „Damit richten wir den Blick der Gläubigen auf das wirklich Wichtige im Leben. Denn das Kreuz als Symbol der christlichen Kirche ist für die Augen eines nicht kirchlichen Betrachters eben nicht selbstverständlich“, erklärt Pfarrer Nawka.

Der Karsamstag gilt als Tag der Grabesruhe Jesu Christi. Am Abend wird vor der Wittichenauer Pfarrkirche das Osterfeuer entzündet. An dessen Flammen erfolgt das Entzünden der Osterkerze, die anschließend in die dunkle Kirche getragen wird. Die kleinen Kerzen der Gläubigen werden dann nach und nach an der Osterkerze entzündet. Darüber hinaus läuten erstmals die Glocken wieder, nachdem sie seit Gründonnerstag geschwiegen haben. Stattdessen laufen Kinder mit klappernden Gegenständen durch Stadt und Dörfer und beten vor den Wegkreuzen.

Der Ostersonntag beginnt bereits um 5 Uhr mit der Reitermesse in der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt. Dort versammeln sich die Kreuz- beziehungsweise Osterreiter zum Gebet. „Wenn dann hunderte Männerstimmen die ersten österlichen Choräle singen, ist das ein äußerst erhabener, pathetischer Moment“, weiß Gabriel Nawka. „Die Osterbotschaft bricht förmlich aus ihnen heraus“, ergänzt Johannes Magiera.

Nach der Messe eilen die Reiter zügig aus der Kirche auf ihre Höfe zurück. Nach einem kurzen Frühstück werden die Pferde gesattelt. Nachdem die Reiter in ihre Kapellendörfer heimgekehrt sind, finden an den dortigen Kapellen kurze Dankandachten statt. Anschließend begeben sich die Männer hoch zu Ross nach Wittichenau. Die Wittichenauer reiten dann ins zwölf Kilometer entfernte Ralbitz, die Ralbitzer besuchen Wittichenau. Beide Prozessionen verkünden die Botschaft von der Auferstehung des Herrn. Pfarrer Gabriel Nawka wird bereits zum 26. Mal mit reiten, davon das vierte Mal in der Wittichenauer Prozession, sagt der aus Bautzen stammende Kirchenmann. Am Abend des Ostersonntags endet für die Reiter aus der Stadt die Prozession bei der Schlussandacht auf dem Markt. Die Teilnehmer aus den Dörfern treffen sich zum Schlussgebet vor den jeweiligen Kapellen beziehungsweise Kreuzen.

Am Osterdienstag findet in der Rosenthaler Wallfahrtskirche der Dankesgottesdienst der Osterreiter statt. Die deutschen Wittichenauer feiern allerdings ihren eigenen Dankesgottesdienst, und zwar am Freitag nach Ostern. „In Rosenthal wird die Liturgie durchweg in sorbischer Sprache gefeiert“, erklärt Gabriel Nawka den Unterschied.

Letztendlich gehört die Buß- und Osterzeit zu den arbeitsintensivsten Phasen im Wittichenauer Kirchenjahr. „Dann ist die ganze Stadt auf den Beinen. Die Leute leben die Bräuche und Traditionen und würden diese niemals missen. Ostern in Wittichenau und im katholischen Sorbenland ist eben etwas ganz besonderes“, resümiert Gabriel Nawka.