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Hoyerswerdaer Leinöl
Das goldene Geschäft mit dem Öl

Regine Jorga führt ihre beidenTöchter Susann Nicklisch und Jana Mundt (l.) in ihr Geschäftsfeld ein. Sie werden die Ölmühle später weiterführen.
Regine Jorga führt ihre beidenTöchter Susann Nicklisch und Jana Mundt (l.) in ihr Geschäftsfeld ein. Sie werden die Ölmühle später weiterführen. FOTO: Anja Hummel / LR
Hoyerswerda. Das Allround-Talent „Leinsaat“ boomt und die Lausitzer Ölmühle in Hoyerswerda kann sich vor Aufträgen kaum retten. Von Anja Hummel

Ein Leben ohne Leinöl – für Regine Jorga nicht vorstellbar. Jeden Tag steht bei ihr das frische goldene Gut auf dem Tisch. Ob als Creme fürs Brot oder als Öl auf dem Quark. Doch nicht nur in der Küche, auch im Bad hat das Lein seinen Platz gefunden: „Früh esse ich’s und abends schmier’ ich mir das Gesicht damit ein. Deshalb liebe ich Lein so sehr“, sagt Regine Jorga über den „Allrounder“.

Die Geschäftsführerin der Lausitzer Ölmühle in Hoyerswerda hat aber mindestens noch einen weiteren Grund für ihre Zuneigung zum Leinsamen: Der Verkauf von Öl und Co. boomt wie nie zuvor. „Das Jahr lief einfach perfekt“, bringt es Regine Jorga auf den Punkt. Insgesamt 2800 Tonnen Saat wurden verbraucht, das sind 300 Tonnen mehr als im Vorjahr. „Das entspricht einer Steigerung von 15 Prozent“, sagt die zufriedene Chefin.

Warum so erfolgreich? „Der Gesundheitsboom“, ist sich die 64-Jährige sicher. „Die Menschen ernähren sich immer bewusster.“ Besonders der Online-Versand von Leinöl, Leincreme und -kuchen hat sich gesteigert. „Unsere Mühle hat den Vorteil, dass wir das Öl direkt nach der Produktion verkaufen. Leinöl muss einfach frisch sein“, sagt Regine Jorga, die so gut wie jeden Tag Kartoffeln mit Quark und Leinöl isst.

Aber was macht das Öl eigentlich so besonders? „Die Omega-3-Fettsäuren, die der Körper nicht selber herstellen kann“, sagt die 64-Jährige. Zwar sind die gesunden Fette auch in Fisch und Olivenöl enthalten, „aber das Leinöl ist am gehaltvollsten“. 20 Tonnen pro Woche werden in der Hoyerswerdaer Ölmühle produziert.

So „gesund“ wie das Produkt selbst ist auch die Verarbeitung der Saat. „Bei uns wird nichts weggeworfen“, versichert die Geschäftsführerin. Aus dem gefilterten Lein entstehen Lausitzer Creme und Kuchen, aus nochmaliger Pressung wird das Industrieöl zum Streichen gewonnen und der Rest wiederum wird als Schrot an Mischfutterwerke verkauft. Kunden hat Jorga längst nicht mehr nur in Deutschland. Sie liefert in die Schweiz, nach Italien und Österreich. Hauptabnehmer ist und bleibt weiterhin die Kunella Feinkost GmbH mit Sitz in Cottbus. An zweiter Stelle komme der Vertrieb der Leinöl-Produkte in der Region vom Spreewald bis nach Dresden. „Eigentlich sind wir am Limit“, sagt die Geschäftsführerin. Zum Teil wird mittlerweile im Dreischichtsystem gearbeitet. Mit drei neuen Mitarbeitern besteht das Team aus nun insgesamt 17 Leuten. Wie viel Gewinn sie macht, will Regine Jorga aber nicht verraten. „Seit sieben Jahren arbeiten wir in schwarzen Zahlen“, sagt die Chefin. Und dank Gesundheitsboom werden die immer schwärzer.

Die Saat für ihre Produkte bezieht Regine Jorga ausschließlich aus Kasachstan. Ausschlaggebend dafür seien Qualität und Preis. „Die Saat ist komplett frei von Pestiziden, das bestätigen alle Laborberichte“, so Jorga. In Deutschland hingegen werde alles gespritzt.

Dass Kasachstan in vielerlei Hinsicht „sehr sorgfältig“ ist, durfte das Hoyerswerdaer Mühlen-Team erst kürzlich persönlich erleben: Denn zu Besuch im Ölwerk war eine Delegation aus dem Land am Kaspischen Meer. „Die Ölmüller und Lieferanten haben sich jeden Winkel ganz genau bei uns angeschaut“, sagt Regine Jorga. Ein schöner Tag sei es gewesen und womöglich habe sie auch einen neuen Saatlieferanten gefunden. Die Verhandlungen stehen noch bevor. Die Delegation war im Haus, um die traditionellen Ölpressen unter die Lupe zu nehmen. Die Technik sei auch für die Leinöl-Produktion in Kasachstan interessant.

Indes denkt Regine Jorga über die Anschaffung einer neuen Presse nach. Insgesamt vier Modelle sind in Betrieb. Die stammen noch aus Ostzeiten und wurden im damaligen Magdeburger Schwermaschinenbau-Kombinat „Ernst Thälmann“ hergestellt. „Aber noch laufen sie und wir haben auch die nötigen Ersatzteile da“, plant Jorga die Neuinvestition eher  nicht für das kommende Jahr.

Was hingegen schon langfristig feststeht: ihre Nachfolge. Die hat sie sicher. Während Tochter Jana Mundt bereits seit sechs Jahren mit im „Öl-Geschäft“ ist, kam vor einem halben Jahr auch noch Tochter Nummer zwei, Susann Nicklisch, dazu. „Ich lerne momentan beide an und es funktioniert sehr gut“, ist die 64-Jährige glücklich über die sichere Zukunft der Traditions-Ölmühle. „Arbeit bleibt Arbeit, privat bleibt privat“, sind sich die drei Frauen einig. Auf den Tisch kommt dann trotzdem für alle das Gleiche. Die Kartoffeln kochen schon, der Quark aus Kotten ist angerührt und das Leinöl – das wartet frisch gepresst wie eh und je auf seinen Einsatz.

Ölmüller und Lieferanten aus Kasachstan besichtigten die Ölmühle in Hoyerswerda. Die Ölpressen hätten sie gerne für ihren heimischen Betrieb.
Ölmüller und Lieferanten aus Kasachstan besichtigten die Ölmühle in Hoyerswerda. Die Ölpressen hätten sie gerne für ihren heimischen Betrieb. FOTO: Jana Mundt/Ölmühle Hoyerswerda / Jana Mundt