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"Wir dürfen dies niemals vergessen"

Dr. Andrej Reder fand im Jahr 2000 die Briefe seines Vaters, die dieser aus einem Gulag in Sibirien schrieb. Im Buch "Dienstreise" schildert der heute 80-Jährige die erschütternde Geschichte seiner Eltern. Gestern erzählte er Schülern der Oberschule "Am Planetarium" davon.
Dr. Andrej Reder fand im Jahr 2000 die Briefe seines Vaters, die dieser aus einem Gulag in Sibirien schrieb. Im Buch "Dienstreise" schildert der heute 80-Jährige die erschütternde Geschichte seiner Eltern. Gestern erzählte er Schülern der Oberschule "Am Planetarium" davon. FOTO: cw
Hoyerswerda. Wohl kaum etwas kann Geschichte – und besonders den dunkelsten Teil deutscher Geschichte – so eindringlich vermitteln, wie die Begegnung mit Menschen, die es selbst erlebt haben. Deshalb werden in Hoyerswerda auch heute noch im Rahmen des Geschichts-Projektes "Wider das Vergessen" regelmäßig solche Zeitzeugen-Gespräche organisiert. Gestern haben erneut zehn Menschen, die auf besondere Weise Zeugen des menschenverachtenden faschistischen Regimes der Nazis sind, in fünf Schulen darüber berichtet. Catrin Würz

Still ist es im Klassenzimmer der 9a, so still, dass man kaum zu atmen wagt. Gerade hat Andrej Reder vor Schülern aus der Oberschule "Am Planetarium" die unglaubliche Geschichte seiner Eltern zu Ende erzählt. Fast zwei Stunden berichtete der 80-Jährige vom Schicksal seines Vaters, der als Widerstandskämpfer und Kommunist im Jahr 1935 vor den Nationalsozialisten nach Moskau flieht. Doch dort - im Mutterland des Sozialismus - wird der Vater Opfer eines verhängnisvollen Irrtums. 1938 wird er als angeblicher Konterrevolutionär und Spion vor ein Sondertribunal gestellt und zu zehn Jahren Arbeitslager im fernen Sibirien verurteilt. Die zehn Jahre im Gulag Stalins muss er unter teils unmenschlichen Bedingungen bei Kälte und Hunger absitzen. Weitere Jahre danach kämpft er in Russland um seine Rehabilitation. Als der Vater 1955 endlich nach Deutschland zurückkehren kann, ist er ein um Jahre gealterter, vielleicht auch gebrochener Mann. Im Alter von 19 tritt Andrej Reder seinem Vater, den er zum letzten Mal als Zweijähriger gesehen hatte, entgegen. Und erst Jahrzehnte später findet er die Briefe, die sein Vater während der Zeit im Gulag an seine Mutter schrieb. "Ich wusste, dass großes Unrecht im stalinistischen Regime geschehen war. Doch ich wusste nicht, dass es so unmittelbar mit meiner Familie zu tun hatte", sagt er vor den 15-jährigen Mädchen und Jungen. Die erschütternde Geschichte seines Vaters einerseits, aber vor allem der von den deutschen Nazis angezettelte Weltkrieg, die millionenfache Verfolgung und Vernichtung jüdischer und andersdenkender Menschen mahnen auch heute noch, sich jeden Tag neu für Frieden, Freiheit und Demokratie einzusetzen. Um jenen Strömungen der neuen Rechtsextremisten, die die Geschichte wiederholen wollen, etwas Starkes entgegenzusetzen. "Deshalb dürfen wir niemals vergessen, welches Unrecht damals geschehen ist", sagt Andrej Reder.

Der Berliner gehört zu jener "zweiten Generation" der Zeitzeugen, die heute vor die Schulklassen tritt. Es sind die Söhne und Töchter jener Menschen, die als Überlebende von Konzentrationslagern das Hoyerswerdaer Geschichtsprojekt "Wider das Vergessen" mit aufgebaut haben. "Heute sind immer weniger dieser Zeitzeugen noch unter uns. Deshalb sind wir dankbar, dass wir die zweite Generation haben", sagt Evelyn Scholz von der RAA Hoyerswerda/Ostsachsen, die gemeinsam mit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten das Projekt "Wider das Vergessen" seit inzwischen 21 Jahren organisiert. Hoyerswerdas Bürgermeister Thomas Delling ist sich sicher: "Wir müssen und wir werden dieses Geschichts-Projekt noch viele Jahre weiterführen. Angesichts aktueller politischer Tendenzen ist das absolut notwendig."

Zum Thema:
Justin Sonder (91): Als Sohn jüdischer Eltern erlebte er mit 16 Jahren die Deportation seiner Eltern. Er selbst wurde 1943 ins KZ Auschwitz gebracht und überlebte 16 Selektionen.Prof. Heinrich Fink ist Vorsitzender der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten.Roland Hering berichtet als Sohn des Widerstandskämpfers Arno Hering über seinen Vater.André Lang: Seine Mutter Ruth Lang emigrierte als 18-Jährige mit ihren Eltern nach England, um der Hetze und Gewalt der Nationalsozialisten gegen jüdische Menschen zu entgehen.Wolf Stötzel berichtet über seinen Vater, der als Kommunist 1934 inhaftiert, gefoltert wurde und ins KZ Buchenwald kam.Gisela Plessgott: Ihr Vater Reinhold Lochmann wurde als Widerstandskämpfer ins KZ Buchenwald verbracht.Dr. Andrej Reder: Obwohl sein Vater Kommunist und Widerstandskämpfer war, wurde er unter dem Stalin-Regime für zehn Jahre in ein Arbeitslager gebracht und kehrte erst 1955 zurück.Heiderose Gläß: Ihr Vater Alfred Schneider wurde von den Nazis wegen Anstiftung zum Hochverrat inhaftiert.Andreas Froese-Karow leitet die Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen, wo die Nationalsozialisten im April 1945 hunderte Menschen in einer Scheune verbrannten.Dr. Ingrid Heyser berichtet über ihren Vater, der im KZ Buchenwald inhaftiert war.