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Wie ist ein Landarzt nach Lauta zu locken?

Kein Arzt im Behandlungszimmer: Das kommt in der Region Hoyerswerda immer öfter vor.
Kein Arzt im Behandlungszimmer: Das kommt in der Region Hoyerswerda immer öfter vor. FOTO: voltamax/pixabay.com
Lauta/Torno. Nein, auch Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) konnte letzten Endes keinen neuen Hausarzt für die Lautaer aus dem Hut zaubern. Wer das gedacht hatte, wurde bei der öffentlichen Podiumsdiskussion zum Thema Hausärztemangel am Montagabend in Torno sicher enttäuscht. Catrin Würz

Dennoch war Tillich die öffentliche Debatte im Kultursaal von Torno offenbar sehr wichtig. "Wir können heute noch keine Lösung präsentieren. Aber wir lassen Sie mit dem Problem nicht allein", erklärte er im proppevollen Saal vor gut 200 besorgten Einwohnern.

Die Veranstaltung fand nicht von ungefähr im Lautaer Ortsteil Torno statt. Denn hier war die ärztliche Versorgung im Jahr 2016 durch den plötzlichen Tod eines Allgemeinmediziners mächtig in Schieflage gekommen. 1600 Patienten standen urplötzlich ohne Hausarzt da - und umliegende Allgemeinarzt praxen konnten nur einen Bruchteil davon auffangen, weil sie selbst längst an ihrer Kapazitätsgrenze sind. Zwar konnte die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen für ein halbes Jahr eine Vertretungsärztin in die Praxis in Torno entsenden - doch die Allgemeinmedizinerin und Kardiologin entschied sich nach Ablauf ihres Vertrages nicht für das Bleiben. Seit Jahresbeginn stehen Hunderte Lautaer damit erneut ohne Hausarzt da.

Was in Lauta von einem schicksalhaften Ereignis ausgelöst wurde, ist aber längst auch in vielen anderen Städten der Region eine bittere Realität. Das bestätigt Klaus Hecke mann, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen. Inzwischen sind in der Region Hoyerswerda fünf Hausarztstellen nicht besetzt. Während mehr und mehr Hausärzte das Ruhestandsalter erreichen, finden sich kaum noch junge Mediziner, die eine Praxisnachfolge antreten oder sich in ländlichen Gebieten niederlassen wollen. Das Problem sei dabei nicht, dass zu wenig Studenten Medizin studieren, sondern dass die jungen Ärzte nach dem Studium ganz andere Lebensvorstellungen haben, als in einer eigenen Praxis auf dem Land zu arbeiten. "Der dabei in Aussicht stehende gute Verdienst hat für viele jungen Ärzte heute nicht mehr die erste Priorität. Mehr zählen Familie und Freizeit", bestätigte auch Erik Bodendieck, der Präsident der Sächsischen Landesärztekammer. Die Jungmediziner legen also Wert auf geregelte Arbeitszeiten, auf interdisziplinäres Arbeiten im Team, auf Möglichkeiten für Teilzeitbeschäftigung und ein funktionierendes Umfeld für ihre Familie.

In der Hausarzt-Praxis müsse der Arzt dagegen mit Bürokratie und einer Regularienflut kämpfen, wirft der Laubuscher Allgemeinarzt Heiner Münch in der Diskussion kritisch ein.

Um die medizinischen Fachkräfte anzulocken, werden inzwischen "rote Teppiche" mit ganz eigenem Gewebe ausgerollt: "Kita-Plätze, ein Job für den Ehepartner und außergewöhnliche Freizeitmöglichkeiten - damit kann man heute punkten", so Bodendieck.

Das sieht auch der Geschäftsführer des Lausitzer Seenland Klinikums, Jörg Scharfenberg, so. Das Klinikum preist interessierten Ärzten inzwischen nicht nur das gut funktionierende eigene Haus, sondern ebenso die schöne Wohngegend im Lausitzer Seenland samt Bootsführerschein an. Auch das benachbarte Malteser-Klinikum in Kamenz vollbringt inzwischen verschiedene "Kopfstände", um Ärzte zu halten und neue zu gewinnen, sagt Geschäftsführer Florian Rupp. Er bezeichnet die Landeshauptstadt Dresden als "riesigen Magneten, der medizinische Fachkräfte absaugt".

Was kann man also tun, um dennoch neue Hausärzte in die unterversorgte Lausitzer Region zu bekommen? Der Freistaat Sachsen - er ist wie ganz Ostdeutschland wegen seiner Demografie besonders betroffen - hat bereits eigene Wege beschritten, erläutert Stanislaw Tillich. Während andere Bundesländer noch die Studienplätze in der Medizin abbauen, stockt Sachsen seit einigen Jahren auf. Zusätzlich werden jährlich 20 Studenten, die nicht an den sächsischen Fakultäten angenommen wurden, zum Medizin-Studium ins ungarische Pecs delegiert. Dort übernimmt der Freistaat die Studiengebühren. Im Gegenzug haben sich die Studierenden verpflichtet, als Hausärzte nach Sachsen zurückzukehren. Ähnlich läuft dies bei weiteren jährlich 20 Studenten, an die das Land ein monatliches Stipendium in Höhe von 1000 Euro ausreicht. Auch diese gehen eine Verpflichtung ein, als Hausarzt in Sachsen zu arbeiten.

Von all diesen Nachwuchs-Medizinern mit Extra-Bonus stammen derzeit sieben aus dem Landkreis Bautzen. Vier erhalten das Stipendium, drei studieren in Pecs. "Unsere Hoffnung ist es, dass die jungen Leute aus einer ländlichen Region auch eher in ihre Heimat zurückgehen", sagt Landesärzte-Präsident Erik Bodendieck. In zwei bis drei Jahren könnte vielleicht auch Lauta von dieser Investition in die Zukunft profitieren. Zumindest soviel wurde am Montag versprochen.