Um die Bergbau- und Industriegeschichte Weißwassers sollte es Donnerstag bei seinem Vortrag gehen. Am Ende seiner Ausführungen berührte Werner Schubert aber auch ein bisher kaum erforschtes Stück Ortsgeschichte: Auf Grundlage ihres "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" verfolgten und töteten die Nationalsozialisten in ihrem Rassenwahn auch Weißwasseraner.

Schubert führte im Glasmuseum das Beispiel Agnes Hackenbergs an. Die jüngste Tochter eines Glasstreckers, geboren am 25. Februar 1917, arbeitete in Weißwasser als Hausangestellte und Kindermädchen bei Familie Müller in der Johannastraße. Wie Schubert den Akten im Bautzener Staatsfilialarchiv weiter entnehmen konnte, wechselte Agnes Hackenberg 1934 in einen anderen Haushalt, über den jedoch nichts bekannt ist. Anfang 1936 diagnostizierte ein Arzt Schizophrenie bei der bis dato völlig unauffälligen jungen Frau. Der Arzt, Mitglied der NSDAP, stellte einen Antrag bei einem der Erbgesundheitsämter, die damals von den Nazis in den Amtsgerichten eingerichtet wurden.

Wenig später fand sich die Frau in der Heil- und Pflegeanstalt Bunzlau/Schlesien wieder und sollte unfruchtbar gemacht werden. Ihr Vater legte Beschwerde beim Erbgesundheitsgericht in Görlitz ein, stimmte dann aber der Sterilisation zu. Es müsse offenbleiben warum, so Werner Schubert, der diese Frage nicht aufklären konnte. Agnes Hackenberg kehrte 1937 noch einmal nach Weißwasser zurück und arbeitete wieder in dem Haushalt der Familie, bei der sie zuerst beschäftigt war. Wie Schubert recherchieren konnte, musste sich die Frau jedoch erneut in Behandlung begeben. Wenig später bekam der Vater die Information, dass seine Tochter "an Herzversagen" gestorben sei.

Auch Agnes Hackenbergs Onkel Paul Hackenberg, angeblich Epileptiker, sollte laut Akten des Erbgesundheitsgerichts ebenfalls unfruchtbar gemacht werden, so der Ortshistoriker. Hackenberg selbst habe dafür den Antrag gestellt. Schubert kannte den Osram-Arbeiter, der das Nazi-Regime überlebte, persönlich und konnte bei ihm nie Anzeichen für die Krankheit erkennen. Einem Briefwechsel zwischen dem Gesundheitsamt in Rothenburg und dem Bürgermeister von Weißwasser konnte Schubert im Stadtarchiv Weißwasser entnehmen, dass sich auch Walter Scholz aus Skerbersdorf in der NS-Zeit einer Sterilisation unterziehen musste. Scholz saß im Gerichtsgefängnis Weißwasser wegen Diebstahls ein und hatte sich danach durch Wohnungswechsel mehrfach der Einweisung ins Krankenhaus in Niesky entzogen, wo er sterilisiert werden sollte. Vorgenommen wurde der Eingriff dann im Juni 1937 im Krankenhaus in Muskau.

Schließlich stieß Schubert noch auf den Fall eines spastisch gelähmten Jungen. Der Sohn des Hausmeisters an der ehemaligen Mädchenschule in der Straße des Friedens in Weißwasser wurde von dort jeden Morgen in einem Leiterwagen zur Hilfsschule in der Jahnstraße gezogen. Das bestätigten Schubert mehrere Frauen, die damals die Mädchenschule besucht hatten. Nach Angaben der Zeitzeugen müsse der Junge ebenfalls als Opfer der NS-Euthanasie gelten. Weitere Belege dafür konnte Schubert bisher jedoch noch nicht finden.