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| 01:25 Uhr

Wertschätzung für Pflegeeltern

Elisabeth Sygusch (rechts) vom Buch- und Musikhaus in der Altstadt kennt unzählige Spiele, erklärt aber auch Pflegeeltern und anderen Interessenten den Umgang mit neuen Lernmethoden.
Elisabeth Sygusch (rechts) vom Buch- und Musikhaus in der Altstadt kennt unzählige Spiele, erklärt aber auch Pflegeeltern und anderen Interessenten den Umgang mit neuen Lernmethoden. FOTO: Bernd Hannemann
Elternabende stehen bei Eltern nicht gerade hoch im Kurs. Über sechzig, mitunter neunzig Minuten lang gibt es kaum Abwechslung und zuweilen nur Informationen, die nicht einmal alle Anwesenden interessieren. Wie „grausam” müssen da ganze Elterntage sein? Müssen sie nicht, ganz im Gegenteil. Seit 2000 veranstaltet das Hoyerswerdaer Jugendamt einmal im Jahr solch einen Tag zusammen mit den vom Amt betreuten 28 Pflegefamilien. An diesem Wochenende waren es sogar noch zwei halbe Tage am Freitag und Sonntag zusätzlich. Von Bernd Hannemann

Weiterhin war neu, dass dieser Tag erstmals nicht innerhalb der Woche stattfand und noch dazu im Schullandheim "Waldesruh” in Schwarzkollm durchgeführt wurde.
"Die anderen, eintägigen Familientage fanden zunächst bei uns im Jugendamt an seinem alten Standort in der Alten Berliner Straße statt, dann in der KulturFabrik und in der Kinder- und Jugendfarm”, sagte Monika Mandrossa vom Pflegekinderdienst. "Hier im AWO-Landschulheim eröffnen sich uns schon allein durch die mögliche Übernachtung ganz andere Perspektiven. Wir wurden auch super unterstützt.” Zusammen mit ihrer Kollegin Sabine Vietzke hatte sie die Erlebnistage vorbereitet, mit denen sie Hilfe zur Erziehung geben. Da sind zunächst die Begegnungen der Pflegefamilien untereinander. Die Pflegeeltern kamen mit ihren leiblichen und mit ihren Pflegekindern hierher, lernten sich weiter kennen, tauschten sich aus und entdeckten auch gemeinsame Interessen.
Während die Kinder bei Sport und Spiel beschäftigt waren, Freundschaften entwickelten oder Angebote der Volkshochschule kennenlernten, hatten die Erwachsenen die Möglichkeit zur Weiterbildung. "So eine Pflegeelternschaft ist etwas ganz Besonderes, die ist schwieriger als eine normale Familie. Da gehört auch eine Betreuung dazu”, wertete Monika Mandrossa diese Art des Familienzuwachses auf. Eine Rechtsberatung im allgemeinen Sinne ist inbegriffen, denn bei der Pflege eines fremden Kindes - im Übrigen immer mit dem Einverständnis der sorgeberechtigten Elternteile - fließen auch Gelder. "Nachbarn und Bekannte unterstellen nicht selten den Pflegeeltern, sie würden sich bereichern wollen. Umgekehrt sind auch abgebende Eltern keine Rabeneltern, sondern haben meist mit Problemen zu kämpfen, die dem Kind schaden”, ärgerte sich Monika Mandrossa über die g&a uml;ngigen Vorurteile.
Immer wieder sorgen beispielsweise nicht begreifbare Kapriolen des Bundesfinanzministeriums hinsichtlich der einkommenssteuerrechtlichen Behandlung von Pflegegeldern für zusätzlichen Aufklärungsbedarf. Jüngst konnten sich die Familienministerin Ursula von der Leyen und die Bundesarbeitsgemeinschaft für Kinder in Adoptiv- und Pflegefamilien dem erfolgreich entgegenstellen.
Kann man eigentlich die Arbeit von Eltern oder Pflegeeltern hinsichtlich dessen, was sie ihren Kindern geben, mit Geld bemessen? Sicher nicht. Denn ein Pflegekind aufzunehmen bedeutet, sich auf völlig Unvorhersehbares einzulassen. Eine gegenseitige Sympathie vorausgesetzt, muss man das Kind annehmen können, so wie es ist, und mit ihm und seinen Lebensumständen geduldig und ohne große Erwartungen humorvoll umgehen. Das Pflegekind bringt dabei nicht nur sich ein, mit ihm kommen andere Personen, die auch angenommen werden wollen. Verwandte, Vormünder, Sozialarbeiter. Die Pflegeeltern müssen ihre Familie öffnen und bereit sein, sich mit vielen neuen Gedanken und Menschen auseinanderzusetzen.
"Wir ziehen den Hut vor allen Pflegeeltern. Sie haben unsere allerhöchste Wertschätzung”, blickten Monika Mandrossa und Sabine Vietzke stolz auf das fröhliche Treiben im Landschulheim.
Und hier kam das Spielen nicht zu kurz. Altes konnte wiederentdeckt, neues kennengelernt werden. Elisabeth Sygusch vom Buch- und Musikhaus hatte alle Hände voll zu tun, viele bislang unbekannte Spiele zu erläutern. "Von Gehirnjogging, Konzentrationstraining bis zu Übungen für die Grob- und Feinmotorik haben wir für jede Altersgruppe etwas mitgebracht.” Ein richtiges Familienleben findet trotz aller Super-Nannys eben in der Gemeinschaft und nicht vor der Glotze statt, egal ob nun in Familien mit oder ohne Pflegekinder. Und Elterntage - sie sind etwas wirklich Herrliches…

Hintergrund Statistik
Hoyerswerda: Das Jugendamt betreut mit dem Pflegekinderdienst 28 Pflegefamilien, davon sind 26 Pflegefamilien für längerfristige und Dauerpflegen, zwei Familien sind für befristete Kurzzeitpflegen, zum Beispiel bei einem Krankenhausaufenthalt der Eltern. In den 26 längerfristigen Pflegefamilien leben 28 Kinder, davon acht in Hoyerswerda, zwölf im Landkreis Kamenz, eins im Landkreis Elbe-Elster, drei im Landkreis Freiberg, eins infolge eines Umzuges in den alten Bundesländern und eines in Dresden. (Quelle: Jugendamt)
Sachsen: Einer aller fünf Jahre vom Statistischen Landesamt Sachsen gemachten Erhebung zufolge lebten Ende 2005 5291 Kinder, Jugendliche und junge Volljährige nicht bei ihren Eltern, davon 639 in Pflegefamilien (19 aus Hoyerswerda).

Quelle: statistik.sachsen.de