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| 02:41 Uhr

Wenn ein Japaner Sorbisch lernt

Yoshihisa Hagiwara in Bautzen: Der Student ist überzeugt, dass er noch öfter in die Region kommt.
Yoshihisa Hagiwara in Bautzen: Der Student ist überzeugt, dass er noch öfter in die Region kommt. FOTO: dpa
Bautzen. Der Japaner Yoshihisa Hagiwara spricht Deutsch, Slowakisch und Polnisch. Nun will er in Bautzen auch noch Sorbisch lernen. Allerdings reicht ihm Obersorbisch nicht. Niedersorbisch sollte es auch noch sein. Miriam Schönbach / dpa

Zaghaft lächelt Yoshihisa Hagiwara. Gleich trifft sich der 20-Jährige mit Freunden zum Essen und ist gespannt, wie seine Sprachkenntnisse vorangeschritten sind. Dabei ist sein Deutsch perfekt. Doch der Japaner mag es exotischer. Er probiert es an diesem Abend bei sorbischer Hochzeitssuppe - mit Sorbisch. "Dobry dzen! Kak so wam wjedze - Guten Tag. Wie geht es Ihnen", sagt er. Statt mit Sushi und Samuraikunst beschäftigt er sich derzeit mit Osterreiten und anderen sorbischen Bräuchen.

Um die Minderheit in der Lausitz besser kennenzulernen, ist Yoshihisa schon zum zweiten Mal nach Bautzen gereist, in die sorbische Hauptstadt. Noch fällt ihm die Aussprache schwer. "Das Lesen klappt schon. Die vielen Zischlaute muss ich noch ein bisschen üben", sagt der Gaststudent von der Universität in Halle (Saale). Von den Sorben gehört hat er zum ersten Mal von seinem Professor Goro Christoph Kimura in Tokio. Eigentlich paukte er mit ihm damals Slowakisch und Polnisch.

"Sprachen interessieren mich. Sie bauen Brücken zwischen den Kulturen", sagt der junge Mann. Sein Professor, Spezialist für deutsche und europäische Studien, erzählte ihm von den Minderheiten in Deutschland, und mit den Sorben kennt er sich aus. Seine Erzählungen über die "sorubu" - so der japanische Begriff für Sorben - stacheln Yoshihisa an, ein Auslandssemester in Deutschland zu planen.

Wörterbuch nur im Institut

Im Februar 2015 stattete er dem Bautzener Jurij Wuschansky seinen ersten Besuch in der Lausitz ab. Nach dem Japanisch-Sorbisch-Wörterbuch fragt er allerdings in der auf sorbische Lektüre spezialisierten Smolerschen Buchhandlung vergeblich. Das Nachschlagewerk hat Keiko Mitani, ebenfalls Professorin an der Universität in Tokio, 2003 herausgebracht. "Das Buch ist leider vergriffen, ein Exemplar gibt es noch im Sorbischen Institut zur Ansicht", sagt der Gastgeber.

Wuschansky nimmt den Neuankömmling unter seine Fittiche. Er zeigt ihm das Sorbische Museum, fährt mit ihm in die sorbischen Dörfer im Städtedreieck Hoyerswerda - Bautzen - Kamenz und spricht die ersten sorbischen Worte mit Yoshihisa. "Für uns Japaner sind die slawischen Sprachen eine echte Herausforderung", sagt er und zieht ein Wörterbuch für Niedersorbisch aus seiner Tasche.

Denn Yoshihisa reicht es nicht, das Obersorbisch der Oberlausitzer Sorben zu lernen. Er möchte zumindest auch ein Gefühl für die Sprache der Niederlausitzer Sorben bekommen, das rund um Cottbus gesprochen wird. Die Kulturorganisation Unesco stufte sie im Atlas gefährdeter Sprachen als "bedroht" ein.

Der Japaner würde es bedauern, wenn gerade die Sprache seiner neuen Freunde verschwinden würde. Auch deshalb will der Studierende den Zischlauten den Kampf ansagen. "Da ich bald nach Japan zurückkehren muss, werde ich wohl selbstständig die Sprachen der Sorben lernen", sagt er. Er hofft auf einen Konversationskurs in der Heimat. Wuschansky weiß von vier "sorbischen Japanern".

Das Sorbische Institut hat sich auf internationale Gäste eingestellt und lädt alle zwei Jahre zu Intensivsprachwochen nach Bautzen ein. Am 8. Juli ist es wieder so weit. "Die ersten Interessenten haben sich schon gemeldet", sagt Organisator Fabian Kaulfürst. 50 Plätze gibt es.

Interesse an Sorbisch

Die Kurse sind international gefragt. "Wir hatten schon Schüler aus Taiwan, Finnland, Kanada, den USA, Russland, der Ukraine, Frankreich und den Niederlanden", sagt der Sprachwissenschaftler. Vor allem Amerikaner suchten häufig nach den Wurzeln ihrer sorbischen Vorfahren. Yoshihisa jedenfalls wird nicht an dem Sprachkurs teilnehmen. Er muss zurück nach Japan, um seine Abschlussarbeit zu schreiben. Sie streift das Sorbische: Er will sich mit der Situation der Flüchtlinge in Europa am Beispiel des sorbisch-deutschen Siedlungsgebiets beschäftigen. "Die Heimatlosen treffen hier auf zwei fremde Sprachen und Kulturen. Aber genau diese Konstellation kann ja auch eine Brücke zwischen den Ausländern und den Einheimischen sein."

Auch Literatur auf Sorbisch will er verwenden, er übersetzt sie selbst. Doch damit endet seine Leidenschaft für die Sprache und Kultur der kleinsten slawischen Minderheit noch lange nicht. "Ich habe das Gefühl, dass ich noch mehrfach hierherkommen müsste", sagt er.