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Wenn die Angst ums Geld den Marktwert ausmacht

Die Filmemacher Dirk Heth (vorn rechts) und Olaf Winkler diskutierten mit etwa 50 Gästen den Wert gemeinnützigen Engagements.
Die Filmemacher Dirk Heth (vorn rechts) und Olaf Winkler diskutierten mit etwa 50 Gästen den Wert gemeinnützigen Engagements. FOTO: mdr1
Hoyerswerda. Der Marktwert des arbeitenden Menschen stand am Donnerstag im Mittelpunkt der Überlegungen eines 50-köpfigen Gesprächskreises in der Kulturfabrik. Die Filmemacher Dirk Heth und Olaf Winkler hatten mit ihrer Dokumentation "Der große Irrtum" eine Grundlagendiskussion heraufbeschworen. Mandy Decker

"Die Transparenz in der Unterscheidung zwischen Marktwert und Nicht-Marktwert ist so wichtig", sagt Kathrin Kuntermann. Die Sprembergerin eröffnet nach der zweistündigen Filmvorführung eine tief greifende Diskussion. "Ich bin so betroffen, dass ich überhaupt nichts sagen kann", stellt Brigitte Hoysack fest. Jeder Moment dieses Filmes sei doch ein Irrtum. Die Menschen hätten sich wertvoll gefühlt und sich geirrt, auf politische Lösungen gehofft und sich geirrt. Die Situation sei verfahren, das Fazit pessimistisch. Sie selbst möchte sich die Frage verkneifen, "warum wir überhaupt tun, was wir tun?"

Das sei ein großer Irrtum. Keineswegs sei der Film pessimistisch, antwortet der Hoyerswerdaer Jürgen Lienig. Der Film behandele nur eine Minderheit, die vergessen wurde. Aber der dargestellte Marktdruck betreffe alle, interveniert sein Sohn Dirk Lienig. Er hat die Filmemacher mit ihrer Dokumentation nach Hoyerswerda geholt. Der Druck werde gar nicht mehr wahrgenommen, mahnt Dirk Lienig. Die Billigsektoren in beinahe allen Branchen wüchsen permanent. Der Arbeitsmarkt mache viele Menschen krank und werde von der Politik noch nicht einmal auf die Ursachen hinterfragt.

"Der große Irrtum" begleitet die Idee der "Bürgerarbeit". Jungbürgermeister Dennis Gutgesell und Arge-Mitarbeiter Rainer Bomba entwickeln ein Wertekonzept gemeinnützigen Engagements, das die Vorstellung von der Bezahlung gemeinnütziger Arbeit bis in den Koalitionsvertrag trägt. Bis in die höchsten Ämter brachte es den einen, zurück ins unbezahlte Ehrenamt den anderen. Die Bürgerarbeit läuft wieder aus. Am gegenläufigen Auf- und Abstieg der Initiatoren sowie der vermeintlichen Profiteure, einer Region und der Idee selbst entbrennt des Nachdenkens über die Gesellschaft.

Genau das sei Untypische am jungen Bürgermeister des ostdeutschen Provinzstädtchens Eggesin gewesen, sagte Dorit Baumeister. Gutgesell denke über die Menschen nach, die für seine Macht eigentlich nicht wichtig sind. Der Film zeige, wie schwierig es sei, eine kritische Masse zu organisieren. Gesellschaftliche Themen seien immer komplex, die Beschäftigung damit notwendige Voraussetzungen selbstbestimmten Handelns. Der Dialog aber fordere Kraftanstrengungen, deren Endlichkeit deutlich dargestellt worden sei.

Ein Fazit, dem die Macher des Filmes nicht ungeteilt zustimmen möchten. Ihr Film sei nicht grundsätzlich pessimistisch, betont Dramaturg Olaf Winkler. Er zeige den Kampf um "die Werte, die uns wichtig sind". Der Begriff der gemeinnützigen Arbeit müsse die Kraft zur Gruppenbildung erst entwickeln, um wirksam werden zu können. "Man sieht, wie aus Ideen Stein wird", erklärt Kameramann Dirk Heth. Aus der Vision einer Zeitbank sei ein reales Gebäude geworden antwortet Heth auf die Publikumsnachfrage, ob es den Verein Gemeinschaftszentrum-Zeitbank und das im Gegensatz zur Arbeitskraft fördergeldfinanzierte Haus in Eggesin wirklich gibt.

"Gerade hat es bei mir Klick gemacht", fährt Kathrin Kuntermann aus ihrer zwischenzeitlichen Nachdenklichkeit. Menschen, denen die Freude anderer und ein Mindestmaß an Auskommen zur Zufriedenheit gereichen, entziehen sich dem Markt, analysiert sie. Man müsse sie für den ersten Arbeitsmarkt fit machen, damit sie wieder Angst um ihr Geld haben. Nur so komme ihr "Marktwert" zustande.