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Wenn der Unfallverursacher Gas gibt

Der 17-jährige Marius Kirschner wurde nach seinem Sturz mit dem Motorrad einfach alleine gelassen. Mit dem Segelfliegen muss er jetzt pausieren. Foto: ahu
Der 17-jährige Marius Kirschner wurde nach seinem Sturz mit dem Motorrad einfach alleine gelassen. Mit dem Segelfliegen muss er jetzt pausieren. Foto: ahu FOTO: ahu
Nardt. "Ich habe nur kurz die Bremsleuchten gesehen, dann hat der Fahrer Gas gegeben und war weg." Marius Kirschner bleibt alleine und verletzt am Unfallort zurück. Anja Hummel

"Auf das Autokennzeichen habe ich natürlich nicht geachtet. Ich lag mitten auf der Straße und dachte nur, schnell runter da."

Mit dem Motorrad war er an jenem Montagabend vom Elternhaus in Klein Seidewinkel unterwegs auf den Flugplatz Nardt. Als der 17-Jährige als Linksabbieger von der B96 auf die Flugplatzstraße fahren will, schneidet ihm ein Pkw die Vorfahrt. "Ich musste ausweichen, bin mit dem Motorrad ins Schleudern gekommen und gestürzt", erzählt Marius. Später, im Krankenhaus, erstattet er Anzeige wegen Fahrerflucht mit fahrlässiger Körperverletzung. Vom Unfallverursacher fehlt noch immer jede Spur.

Insgesamt 1700 Fälle von Unfallflucht registrierte die Polizei im Landkreis Bautzen im vergangenen Jahr. Davon waren 80 der Fälle mit verletzten Personen verbunden. Die Zahlen zeigen: Die meisten Unfallflucht-Delikte erfolgen im Zusammenhang mit einem Sachschaden.

Aber wo fängt Fahrerflucht überhaupt an? "Verkehrsunfälle, bei denen Beteiligte pflichtwidrig den Ort des Geschehens verlassen oder dem anderen Beteiligten die personenbezogenen Daten nicht mitteilen, können einen strafbaren Tatbestand erfüllen", erklärt Thomas Knaup von der Polizeidirektion Görlitz. Dennoch müsse immer, betont er, der konkrete Einzelfall betrachtet werden. Handelt es sich um Sachschäden, räumt Knaup mit einem weit verbreiteten Märchen auf: "Dass es ausreichen würde, einen Zettel am fremden, beschädigten Wagen zu hinterlassen, hat vor Gericht oftmals keinen Bestand." Doch bei Marius ging es nicht nur um einen Blechschaden. Das Strafmaß für Fahrerflucht liegt bei einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren. "Die hohen Strafen sind schon gerechtfertigt", sagt Marius. "Einfach zu flüchten ist ein ziemlich mieses Verhalten." Schließlich konnte der Fahrer ja nicht wissen, wie schwer die Verletzung tatsächlich ist. "Ich habe noch einmal Glück gehabt", blickt Marius auf sein verbundenes Bein.

Das Fußgelenk ist gestaucht, die Bänder überdehnt und Schürfwunden hat er auch. "Aber es hätte ja viel mehr sein können, und dann wäre niemand da gewesen, um mir zu helfen", ärgert sich der leidenschaftliche Segelflieger. Neben den Schmerzen hat der Unfall noch weit mehr Konsequenzen für den Schüler: Im Sommerlager auf dem Nardter Flugplatz wollte er zwei Wochen lang für seinen Flugschein trainieren. Mit der Verletzung keine Chance. "Das wirft mich in der Ausbildung locker um ein halbes Jahr zurück", erzählt der Junge, während er den Blick über den Flugplatz schweifen lässt. Vor Ort ist er trotzdem. Als Vereinsmitglied des Aeroklub Hoyerswerda gibt es immer etwas zu tun. Für ihn in diesen Tagen leider nur am Boden. "Aber der Verein kümmert sich sehr gut und heitert mich auf", ist er dankbar für die Unterstützung. Trotz privatem Zeugenaufruf auf Facebook gab es zum flüchtigen Fahrer keine Hinweise.

2016 lag die Aufklärungsquote bei den Fällen von Fahrerflucht im Landkreis Bautzen bei gut 43 Prozent. In den Landkreisen Görlitz und Oberspreewald Lausitz verhält sich die Anzahl von Unfallflucht zu Aufklärungsquote ähnlich (siehe Grafik).

Obwohl Marius es sich wünschen würde, glaubt er nicht mehr an das Ausfindigmachen des Fahrers."Ich verstehe ja, dass manche Leute in dem Moment Angst haben. Aber in so einer gefährlichen Situation muss man sich anders verhalten", sagt er klipp und klar. Sonst, sagt der Schüler, sei die eigene Feigheit am Ende noch Schuld an weitaus schlimmeren Folgen, die man mit einem Tritt auf das Bremspedal ganz einfach hätte vermeiden können.