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Wenn der Tod plötzlich zum Beruf wird

Diana Kremp am Sarg: Während ihrer Umschulung lernt sie viel über Trauerarbeit und den Umgang mit Angehörigen.
Diana Kremp am Sarg: Während ihrer Umschulung lernt sie viel über Trauerarbeit und den Umgang mit Angehörigen. FOTO: privat
Hoyerswerda. Von ausgelassener Freude zu mitfühlender Trauer: Für Diana Kremp ist der Jobwechsel ein Extrem. Die 44-Jährige aus Hoyerswerda war zehn Jahre lang Gastwirtin. Jetzt hat sie täglich mit dem Tod zu tun. Sascha Klein

Wenn Diana Kremp montags mit ihrem Auto von Hoyerswerda nach Bitterfeld fährt, kommt sie dem Thema Tod minütlich näher. Nicht etwa auf den 200 Kilometern Bundesstraße und Autobahn bis ins frühere Chemiedreieck, sondern direkt am Zielort. In Bitterfeld angekommen, taucht sie für viele ihrer Bekannten in eine Art anderes Leben ein. Sie lernt den Umgang mit Mitgefühl, mit Trauer, mit dem Gefühl, jemanden auf dem letzten Gang zu begleiten. Diana Kremp schult um - zur Bestattungsfachkraft.

Bis vor zwei Jahren war die 44-Jährige in einem Gewerbe, in dem es mitunter sehr lebendig zugeht. Sie war zehn Jahre lang Wirtin des Zechenhauses auf dem Gelände der Knappenroder Energiefabrik - ein Job, in dem sie aufging. Als sie dort keine Zukunft mehr für sich sah, war Schicht im Schacht. Sie sattelte um. "Ich habe mich irgendwie schon immer fürs Thema Tod interessiert", sagt Diana Kremp. Sie bezeichnet sich selbst als "Friedhofstante". Dabei steht bei der Hoyerswerdaerin weniger der Charme des Morbiden im Vordergrund, sondern eher die Vielseitigkeit der Aufgaben. Nach kurzer Zeit als Patientenassistentin im Cottbuser Thiem-Klinikum und einer krankheitsbedingt abgebrochenen Umschulung als Altenpflegerin traute sich die 44-Jährige an das Thema Tod heran.

Ihre Berufsschule, der private Träger PuB Bitterfeld, ist so ganz anders als andere Berufsschulen. Sie ist eine der ganz wenigen in Deutschland mit einem Lehrfriedhof. Dort lernen Diana Kremp und ihre vier Mitschüler, wie es ist, einen Menschen zu Grabe zu tragen. Regelmäßig schreiten sie mit Sarg an den bepflanzten und mit flachen grünen Hecken umrahmten Grabstätten vorbei. Der Unterschied: Dort werden keine Menschen zur letzten Ruhe gebettet. Die Umschüler tun nur so als ob.

Der Hintergrund ist jedoch ein ernster. Nach der 21-monatigen Umschulung will Diana Kremp Fuß fassen in dem Gewerbe. Eines hat sie während ihrer Praktika in einem Bestattungsunternehmen in Delitzsch nördlich von Leipzig schnell gelernt: Professionalität geht über alles. "Mitunter wird bei uns aber auch herzhaft gelacht", sagt Diana Kremp. Bestatter liefen nicht 24 Stunden pro Tag mit ernster Miene herum. Seit dem Jahr 2003 wird in der Bestattungsbranche ausgebildet, teilt der Bundesverband Deutscher Bestatter (BDB) mit. In den vergangenen zwölf Jahren haben schon mehr als 1230 Frauen und Männer den Abschluss als Bestattungsfachkraft abgeschlossen. In den Jahren 2008 bis 2014 schwankt die Zahl jährlich zwischen 108 und 174. Das Verhältnis zwischen Männern und Frauen hält sich nach BDB-Angaben seit fünf Jahren in etwa die Waage. Die reguläre Ausbildung zur Bestattungsfachkraft dauert laut BDB drei Jahre.

Zunächst Zweifel in der Familie

Diana Kremps Umfeld hatte zunächst gezweifelt, ob das tägliche Thema Tod zu der 44-Jährigen passt. "Vor allem meine Familie hatte Bedenken, weil ich eigentlich sensibel und gefühlvoll bin", sagt die Hoyerswerdaerin. Nach einem halben Jahr könne sie jetzt einschätzen, dass ihr der Beruf Freude macht. "Mich belastet das Thema nicht", erzählt sie. "Gerade, wenn man gefühlvoll ist, kann man sich besser in die Angehörigen hineinversetzen."

Was Diana Kremp reizt: den Verstorbenen zur Beisetzung ihre Ehre zu bewahren. Dazu gehört, einen Toten für eine Aufbarung und das Begräbnis so vorzubereiten, dass die Angehörigen glauben könnten, derjenige schlafe nur. Kürzlich hat sie ein Erlebnis sehr bewegt. Nach einer von ihr ausgearbeiteten Trauerrede habe ein Angehöriger zu ihr gesagt, sie habe die Rede so gehalten, als ob sie den Verstorbenen gekannt hätte. Für Diana Kremp war das ein Lob, das ihr zeigt, den richtigen Weg gewählt zu haben. Trotzdem muss auch sie bei ihrer Arbeit immer wieder innehalten. "Ich muss erst einmal tief Luft holen, wenn viel Blut im Spiel ist. Oder wenn ein Mensch einfach nicht mehr aussieht wie ein Mensch."

Langer Weg zum Abschluss

Bis Juni 2016 wird die Hoyerswerdaerin noch die Schulbank drücken. Sie wird unter anderem Betriebswirtschaftslehre lernen, Friedhofswesen, Rechtliches über Testament und Erbfolge, Anatomie, Psychologie, hygienische Grundversorgung. Geprüft wird sie von der Handwerkskammer Halle. Besteht sie, kann sie sich anerkannte Bestattungsfachkraft nennen und auf Jobsuche gehen. Dann hofft sie, nicht mehr montags dem Thema Tod entgegenfahren zu müssen. Sie hofft auf einen Job in der Lausitz.