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| 11:20 Uhr

Tafel Hoyerswerda
Wenn das Geld nicht reicht

 Vitamine gehen immer! Bufti Nina Fabrizius (56) reicht der Tafel-Kundin Carola Kinze (61, re.) ein frisches Schälchen Erdbeeren rüber.
Vitamine gehen immer! Bufti Nina Fabrizius (56) reicht der Tafel-Kundin Carola Kinze (61, re.) ein frisches Schälchen Erdbeeren rüber. FOTO: LR / Rita Seyfert
Hoyerswerda. Wenige haben viel, viele haben wenig: Etwa 800 Menschen nutzen derzeit pro Woche das Angebot der Tafel in Hoyerswerda. Sie leben vom Essen, das andere wegschmeißen. Von Rita Seyfert

Im reichen Deutschland wächst die soziale Ungleichheit. Auch in Hoyerswerda sind viele Menschen arm. Besonders Alleinerziehende und ältere Menschen, aber auch Geringverdiener, Arbeitslose und Asylbewerber sind auf staatliche Zuschüsse angewiesen. Wenn sie nicht ausreichen, führt viele der Weg zur Tafel.

Ungefähr 250 Bedarfsgemeinschaften holen sich wöchentlich bei der Tafel Hoyerswerda  in der Ulrich-von-Hutten-Straße 31 ein Zubrot. Madlen Krenz (51), Einrichtungsleiterin vom Verein Vereinbarkeit von Beruf und Familie fördern in Ostsachsen (vbff): „Wir versorgen um die 800 Leute pro Woche“, sagt sie.

Vor allem junge Leute im arbeitsfähigen Alter würden das Angebot nutzen. Der Anteil an Asylbewerbern, die sich über die Tafel mit Lebensmitteln eindecken, mache nur etwa fünf Prozent aus. „Einige kommen vielleicht für zwei Wochen, und dann sieht man sie nicht mehr.“

 Her mit den frischen Brötchen! Bufti Jörg Salewsky (55) trägt einen großen Karton mit Kaufland-Backwaren aus dem Lieferauto zur Tafel.
Her mit den frischen Brötchen! Bufti Jörg Salewsky (55) trägt einen großen Karton mit Kaufland-Backwaren aus dem Lieferauto zur Tafel. FOTO: LR / Rita Seyfert

Rentner würden indes eher selten an die Tür klopfen. Dabei hätten Senioren, die beispielsweise Wohngeld beziehen, durchaus Anspruch auf den Tafel-Ausweis. Tafel-Chefin Krenz: „Wir vermuten, dass viele aus Scham verzichten.“ Nach dem Motto, es hat früher gereicht, und jetzt muss es auch reichen.

Eine derjenigen, die regelmäßig bei der Tafel einkauft, ist Carola Kinze (61) aus Hoyerswerda. „Ich bin arbeitslos“, erzählt sie. Ihr Geld reiche mehr schlecht als recht. Früher arbeitete sie als Stationshilfe im Klinikum. Doch nach der Wende veränderte sich alles. Sie verlor ihren Job. Inzwischen verdient sie sich mit Reinigungsarbeiten hundert Euro im Monat dazu. Außerdem bringt sie Altpapier zur Sammelstelle. Den Erlös spart sie für die Geburtstage der Enkel.

Kennengelernt hat Carola Kinze das Angebot der Tafel 2017 über ihren Bundesfreiwilligendienst (Bufdi). Damals wurde beim Projekt „Wir für Sachsen“ eine Ehrenamtsstelle in der Kleiderkammer frei. Seitdem hilft sie 20 Stunden pro Monat mit Näharbeiten aus. Sie flickt, säumt und stopft alles, was sich noch anziehen lässt. Und nach Feierabend packt sie sich ein paar Nahrungsmittel für Zuhause ein.

 Ein-Euro-Jobberin Doreen Hagasch (44) und Bufti Michael Struwe laden die Lebensmittel für die Tafel Hoyerswerda kistenweise aus dem Transporter aus.
Ein-Euro-Jobberin Doreen Hagasch (44) und Bufti Michael Struwe laden die Lebensmittel für die Tafel Hoyerswerda kistenweise aus dem Transporter aus. FOTO: LR / Rita Seyfert

Anzusehen ist ihr nicht, dass sie ein guter Esser ist, wie sie sagt. Ob Obst, Gemüse oder Milchprodukte, die Lebensmittel von der Tafel helfen Carola Kinze beim Wirtschaften. „Die Tafel ist ja nicht dazu da, um den Kühlschrank zu füllen, sondern als Unterstützung“, sagt sie. Einige der Lebensmittel könnte sie sich im Laden nie leisten. Denn teils landen auch hochwertige Käse-Sorten oder teurer Lachs in den Körben.

Die Discounter sortieren alle Produkte aus, die entweder nicht verkauft wurden oder nah am Verfallsdatum dran sind. Täglich fahren die derzeit zwei Kraftfahrer der Tafel Hoyerswerdas Supermärkte an. Von Lidl, Netto und Penny über Rewe, Edeka und Kaufland bis Globus und zum Seenlandklinikum, bei jeder Tour legt das Tafelauto bis zu 40 Kilometer zurück.

Eins ist sicher, ohne Ehrenamtler würde die Tafel nicht funktionieren. Projekt-Leiterin Simone Sicksch (56): „Derzeit beschäftigen wir vier Bundesfreiwilligendienstler und zwei Ein-Euro-Jobber.“ Die fleißigen Helfer karren nicht nur die Lebensmittel heran, sondern räumen die schweren Kisten mit den Backwaren und Bananen auch hin und her. Und natürlich steht es auch ihnen zu, sich etwas Essbares mitzunehmen.

Schämen sollte man sich dafür aber nicht. „Warum auch?“, fragen sie. Das Zubrot der Tafel sei ein Recht, das jeder hat, der Wohngeld, BAföG oder sonstige Leistungen bezieht. Die Voraussetzung ist der Tafel-Ausweis. Dafür müssen die Antragsteller ihre Bedürftigkeit mit einem Bescheid über das Arbeitslosengeld- oder die Rente schriftlich nachweisen.

Anspruch haben alle mit monatlichen Bezügen unter tausend Euro. Bedarfsgemeinschaften mit zwei Personen dürfen nicht mehr als 1300 Euro pro Monat einnehmen. Für jede weitere Person werden 195 Euro angerechnet.

Nur drei Euro kostet der Einkauf für eine Person. Jede weitere Nase pro Bedarfsgemeinschaft zahlt einen Euro extra. Einmal pro Woche darf man sich die Taschen füllen. Geöffnet ist immer mittwochs und freitags von 12 bis 15 Uhr.