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| 13:53 Uhr

Traumjob Schäfer
Warum der Hirten-Beruf in Hoyerswerda ausstirbt

 Schäfermeister Thomas Muche (52) füttert den Zuchtbock der Herde auf der ehemaligen Kippe Spreetal.
Schäfermeister Thomas Muche (52) füttert den Zuchtbock der Herde auf der ehemaligen Kippe Spreetal. FOTO: LR / Rita Seyfert
Hoyerswerda . Wenig Geld, kaum Urlaub, trotzdem glücklich: Vor Ort bei Schäfermeister Thomas Muche auf der früheren Kippe Spreetal. Von Rita Seyfert

Einmal als Schafhirte arbeiten, davon hat Thomas Muche (52) aus Rietschen bei Weißwasser schon in jungen Jahren geträumt. „Das habe ich mir einfach so in den Kopf gesetzt“, erzählt er. Sein Vater, ebenfalls in der Landwirtschaft tätig, hielt selber Schafe daheim. Mit 16 begann Thomas Muche im Volksgut Löbau seine Lehre.

Heute, fast vier Jahrzehnte später, spricht der Schäfermeister immer noch von seinem Traumjob; zurzeit arbeitet er in der Schäferei der Landschafts-, Nutz- und Wildtier GmbH Elsterheide auf der ehemaligen Kippe Spreetal. Zugleich prophezeit er der Sparte eine düstere Zukunft: „Der Schäferberuf stirbt aus“, sagt er. Den Beruf wolle heute niemand mehr ausüben. Warum? „Zu schwer und zu hart.“

 Schäfermeister Thomas Muche (52) mit seiner Deutschen Hütehunde-Dame vor der 30 Hektar großen Photovoltaik-Anlage, die seine Herde von April bis Dezember beweidet.
Schäfermeister Thomas Muche (52) mit seiner Deutschen Hütehunde-Dame vor der 30 Hektar großen Photovoltaik-Anlage, die seine Herde von April bis Dezember beweidet. FOTO: LR / Rita Seyfert

Urlaub kennt Muche nicht. 365 Tage im Jahr steht er im Stall. „Wenn die jungen Leute aus der Disko heimkommen, beginnt mein Arbeitstag.“ Morgens um fünf klingelt sein Wecker. Zwei Stunden später streut er Heu und Stroh, säubert Futterraufen und befüllt sie mit Schafpellets und Biertreber, also der ausgedrückten Gerste aus der Bierproduktion.

Auch Gräser, Quecken und Akazientriebe stehen auf dem Speiseplan. Doch jetzt, Mitte März, sieht es auf den Wiesen noch mau aus. Nach dem trockenen Sommer werden die Schafe dieses Jahr wohl erst ab Ende April auf der Koppel satt.

Ein Traditionsberuf vorm Aus

Doch wie lange noch? Viele Betriebe schaffen ihre Schafe ab, wenn die Schäfer in Rente gehen. Auch in der Region Hoyerswerda könnte es in etwa zehn Jahren soweit sein. „Die Kollegen sind alle etwa aus dem selben Jahrgang“, so Muche. Junge Schäfer gebe es kaum mehr.

Sorgen bereite auch der Wolf. Canis lupus, so sein lateinischer Name, sei schon dreimal dagewesen. Zuletzt vor zwei Jahren. „Vermutlich ein Einzelgänger“, sagt der Schäfer. Der Schaden hielt sich in Grenzen. „Jedes mal riss er ‚nur’ zwei Tiere.“ Ein Rudel hätte mehr angerichtet.

 Schäfermeister Thomas Muche (52) aus Rietschen in der Schäferei der Landtier-, Nutz- und Wildtier GmbH Elsterheide auf der ehemaligen Kippe Spreetal
Schäfermeister Thomas Muche (52) aus Rietschen in der Schäferei der Landtier-, Nutz- und Wildtier GmbH Elsterheide auf der ehemaligen Kippe Spreetal FOTO: LR / Rita Seyfert

Der vorgeschriebene, 90 Zentimeter hohe Elektrozaun mit den anliegenden dreitausend Volt hielt das Raubtier nicht ab. Beim ersten Mal sprang der Wolf drüber, beim zweiten Mal riss er die Umzäunung ein, und beim dritten Besuch kroch er unten durch. Danach steckte der Schäfermeister weiße Pfähle mit Flatterband um die Koppel. Die Absperrleine irritiert den Wolf, so dass er die Höhe nicht einschätzen kann. Sonst veränderte Thomas Muche nichts den Schutzmaßnahmen.

Jetzt in der Lammzeit ist die Herde ohnehin noch im Stall. Von Mitte Januar bis Ende Feburar kamen die Zippen und Böckchen zur Welt, davon 155 lebend, 7 tot. Das sei eben die Natur. „Manche liegen quer, andere ersticken in der Fruchtblase, wenn die Mutter nicht gleich aufsteht“, erklärt der Schäfer.

 Dieses süße „Osterlamm“ erblickte bereits im Januar das Licht der Welt im Stall.
Dieses süße „Osterlamm“ erblickte bereits im Januar das Licht der Welt im Stall. FOTO: LR / Rita Seyfert

Eigentlich habe er wegen des tropischen Sommers mit weniger Nachwuchs gerechnet. „Wenn es zu heiß ist, werden die Muttertiere nicht brünstig“, erklärt er. Bei einem geringen Futterangebot stellen die Muttertiere weniger Eier bereit. „Ich dachte, dass weniger Zwillinge und mehr Einlinge geboren werden.“ Doch unterm Strich seien es weder weniger noch mehr Lämmer als in anderen Jahren. Auch Abnehmer habe er schon. 40 kräftige Zippen bleiben zur Zucht, der Rest gehe mit fünf Monaten zum Schlachter.

Ein unrentables Geschäft. Allein vom Verkauf könnte kein Schäfer existieren. „Für hundert Lämmer bekomme ich 10 000 Euro.“ So teuer sei schon das Futter. Auch die Wolle bringt nichts mehr ein. Während die Schäfer zur DDR-Zeiten für ein Kilogramm Reinwolle (also: ohne Wollschweiß oder Dreck) noch einen blauen Schein mit Karl Marx’ Kopf drauf kassierten, gibt es heute für ein Kilo frisch geschorene Schweißwolle nur noch 70 Cent.

Das meiste Geld verdienen die Schäfer heute durch die Landschaftspflege, finanziert über Fördergelder oder Ausgleichszahlungen. Hier, im Wildparadies der ehemaligen Kippe Spreetal, beweidet Schäfer Muche neben 120 Hektar Naturschutzfläche auch einen Solarpark - und verhindert die „Verbuschung“. Damit kein Schatten auf die Solarpaneelen fällt, dürfen seine Coburger Fuchsschafe dann wieder von früh bis spät an den Akazientrieben knabbern. Nur von den Jakobsschafen musste er sich vor vier Jahren trennen. Denn mit ihren Hörnern könnte die alte Nutztierrasse die teuren Solarmodule beschädigen.