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| 18:33 Uhr

Hoyerswerda
Das Hobby am Laufen halten

FOTO: Alex Brylov/Shutterstock
Hoyerswerda . Der Wandersport an sich ist nach wie vor aktuell. Doch immer weniger Oberlausitzer Naturfreunde organisieren sich in einem Verein. Der Landesverband Sachsen lockt mit Trainerlizenzen. Von Anja Hummel

Wer Günther Vogt an einem Wochenende erwischen möchte, muss großes Glück haben. Oder auf Wanderschaft sein. Der Rentner erzählt von Wilthen und Bischofswerda, Dresden-Pillnitz und Gorbitz, von der Adventswanderung, der Dresdner Heide und Gräfenhain. Günther Vogt kennt sie alle, die Wege über Berg und Tal, über Stock und Stein. Nahezu jedes Wochenende schnürt sich der Hoyerswerdaer seine Wanderschuhe. Für den rüstigen Senior ist Wandern noch ein richtiger Sport. Seine 50 Kilometer schafft er locker, „da ist man schon mal zehn Stunden unterwegs“, berichtet der 70-Jährige.

Mit seinem Ehrgeiz und der Fitness ist er aber eher allein auf weiter Flur. Seit fast 20 Jahren ist Günther Vogt im Lausitzer Wanderverein Hoyerswerda aktiv. „Die meisten können nicht mehr so weit laufen, das ist einfach dem Alter geschuldet“, erzählt er. 31 Leute sind sie derzeit im Verein. „Früher waren wir mal 60 Mitglieder“, erinnert sich Vogt. Der Altersdurchschnitt liegt bei 80 Jahren. Nachwuchs gibt es nicht. Woran das liegt? „Der Wandersport hat ein schlechtes Image“, lautet eine Theorie von Vogt. Theorie Nummer zwei: „Die jungen Leute haben keine Zeit dafür.“ Sport treiben, das müsse für die junge Generation schnell gehen. Zwei Stunden Vollgas, duschen, ab nach Hause. Beim Wandern geht das nicht. „Der Tag ist im Endeffekt gelaufen“, wie Günther Vogt im wahrsten Sinne des Wortes feststellt. Er selber ist seit 2001 ein echter Wandersmann. „Vorher hatte ich auch keine Zeit dafür. Höchstens privat im Urlaub in den Alpen oder in Bulgarien“, blickt er zurück.

Das Bild, das der Lausitzer Wanderverein zeichnet, spiegelt sich im gesamten Freistaat wider. Als einen „ganz schönen Einbruch“ bezeichnet Elke Eichler den Vereinsschwund der Wanderer in den vergangenen vier Jahren. In ganz Sachsen sind neun Vereine „ausgestorben“, aktuell gibt es noch 118, offenbart die Geschäftsführerin vom  Sächsischen Wander- und Bergsportverband. Dabei, sagt sie, ist Wandern nach wie vor aktuell. „Schauen sie sich am Wochenende doch mal in der Sächsischen Schweiz oder im Erzgebirge um. Da sind Massen an Menschen unterwegs.“ Auch viele junge Menschen seien darunter. „Aber die organisieren sich nicht im Verein“, bedauert Elke Eichler. Eine ungewisse Arbeitssituation, Kinder im Haus, Angst vor zu viel Vereinsverantwortung – Elke Eichler spekuliert. „Die Natur kann jeder alleine durchforsten. Bei Sportarten wie Fußball braucht man hingegen schon eine Mannschaft“, sagt die Verbandschefin und betont: „Wandern ist in Sachsen eine anerkannte Sportart.“ Eine Sportart mit sehr hohem Altersschnitt.

Bei den Oberlausitzer Wanderfreunden Bad Muskau sieht das nicht anders aus. Einmal monatlich treffen sich die Naturfreunde, Bernd Kühnemann ist einer von ihnen. Der 68-jährige Weißwasseraner spricht von einer „lockeren Truppe“ von etwa 20 Leuten. In den 80er-Jahren ging es los, „da war das Wandern kein Problem“. Heute, sagt der Senior, steht der sportliche Aspekt nicht mehr so sehr im Vordergrund. Auf Höhenmeter und Wegführung müsse bei der Planung von Wanderrouten akribisch geachtet werden. Was mittlerweile viel mehr im Fokus steht: der kulturelle und gemeinschaftliche Wert.

Das kann auch Günther Vogt bestätigen. Der Hoyerswerdaer Wanderfreund stellt immer wieder fest: „Die Leute suchen eher nach Geselligkeit, weniger nach der sportlichen Aktivität.“ Er persönlich hat da einen höheren Anspruch als die meisten. Dass man den sozialen Aspekt nicht unterschätzen dürfe, bemerkt auch Elke Eichler. Vor allem viele alleinstehende Damen seien in den Wandervereinen aktiv. „Dort werden sie an die Hand genommen und machen Unternehmungen, die sie alleine niemals machen würden“, so die Verbandschefin. Doch auch für jüngere Menschen gibt es Angebote. Der Verband organisiert genauso Kinder- und Familienwanderungen. „Und wir unterstützen bei der Trainerausbildung“, so Eichler. Wer eine Lizenz zum Wanderleiter hat, kann fachgerechte Touren durchführen (siehe Infobox). Vereine bekommen dafür eine finanzielle Unterstützung. 180 ausgebildete Trainer gibt es in Sachsen. „Bei mehr als 5000 Mitgliedern sind das nicht sehr viele“, sagt Elke Eichler.

Seit wenigstens zwölf Jahren, so Günther Vogt, ist er selber als ausgebildeter Wanderführer unterwegs. Auch seine Ehefrau Renate hat eine Lizenz. Gut sei die Ausbildung, sagt Günther Vogt kurz und knapp. Über Beschäftigung im Verein könne er nicht klagen, sagt er mit einem Schmunzeln. „Öffentliche Wanderungen zu organisieren, das ist schon viel Arbeit“, gesteht der Rentner und kritisiert die mangelnden Markierungen von Wanderwegen in der Region. Von seinen Wanderschaften aber lässt er sich deshalb nicht abbringen, lädt Interessierte jederzeit zum Mitwandern ein. Nachwuchs ist mehr als gerne gesehen. „Wir versuchen in den nächsten zwei bis drei Jahren über die Runden zu kommen“, sagt Vogt, der bereits jetzt eine große Wanderung im  Mai plant. Davor wird er aber noch unzählige Kilometer zurücklegen. Denn, so der Wandersmann: „Irgendwas läuft immer in Sachsen.“

Mehr Informationen
und Kontakte gibt es
im Internet unter
www.lausitzerwanderverein.de