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| 11:10 Uhr

Wanderbaustelle Leben

Schreiben bereitet Wolfgang Wache Glücksgefühle.
Schreiben bereitet Wolfgang Wache Glücksgefühle. FOTO: Jana Wieduwilt
Brieske. Richtig still sitzt Wolfgang Wache nie. Während er in Erinnerungen kramt, springt er immer wieder auf. Bücher holen. Vergilbte Zeitungsausschnitte. Das Manuskript, an dem er gerade arbeitet. Plastiken aus Ton. Es falle ihm schwer, über sich selbst zu sprechen. Wie zum Beweis holt Wolfgang Wache immer wieder meist papierne Zeugen seines Wirkens und Schaffens her. Von Jana Wieduwilt

Das große Heft mit dem Kästchenpapier zeigt gleichmäßige Schrift, kaum Korrekturen. "Die Geschichten haben sich in der Nacht gewandelt, dann sind sie da." Wenn die Gedanken so groß gewachsen sind, steht der 56-Jährige auf und schreibt sie nieder. "Das ist ein schönes Glücksgefühl." Für sich selbst zu schreiben. Mal sind es viele Geschichten, mal wenige. "Je nachdem, wie stark ich mit Broterwerb und Alltag beschäftigt bin", sagt Wache ohne Bedauern. Broterwerb war immer Inspiration, aber auch Hemmnis für den "kreativen Kopf". Schon als kleiner Junge mit einer überbordenden Fantasie ausgestattet, begann Wache früh, sich Geschichten auszudenken. Noch immer blitzt der Schalk in seinen Augen, wenn er von den "dollen" Fernsehfilmen erzählt, die nie gesendet wurden. Andere Kinder berichteten regelmäßig, was sie wieder Schönes im Fernsehen gesehen hätten. Und er selbst? Wache stand umringt von den Schulkameraden und erzählte die spannendsten Filme. "Wir hatten keinen Fernseher, da musste man sich die Filme im Kopf vorstellen", sagt er. Von sich selbst spricht er selten in der Ich-Form. Lieber spricht er von Freunden und Förderern, die ihn maßgeblich beeinflusst haben. Tante Grete, die dem jugendlichen Wache Mut machte, zu seinem Hobby zu stehen. Der Kollege Franzel, der ihm während seiner Zeit als Maurer mit dem Herz auf dem rechten Fleck, seiner Gelassenheit und dem richtigen Ton zur rechten Zeit Vorbild war. Und natürlich Literaten. Im Regal stehen Bücher von Strittmatter, Brecht, Hüge, Mickel, von Karl Valentin und Helge Schneider. Wache ist dankbar über die vielen Förderer, die "ein Stück weit an der Wanderbaustelle mitgebaut haben", und sieht sich zunehmend selbst in der Rolle des Moderators. An den Wänden sind Bilder von Charlie Chaplin und Clowns. Zirkusclowns in allen erdenklichen Posen. "Ich mag Clowns und den Zirkus, vielleicht, weil ein Clown so viele Gesichter haben kann, nicht nur sichtbare, auch verborgene." Der Zirkus ist eine Lebensleidenschaft. Obwohl Wache immer am Ort geblieben ist, kann er von einem abwechslungsreichen Leben berichten. Ein ortsansässiger Vagabund. Zuerst Arbeit als Maurer mit künstlerischen Ambitionen. Die Familie musste ernährt werden. "Ich wurde immer 'Dichter' genannt." Nach der Arbeit der Ausgleich in der Bewegung schreibender Arbeiter. Dann Fernstudium in Leipzig. Schließlich der Traumjob: künstlerischer Leiter im Kulturhaus. "Das war kein Beruf, das war Berufung." In jener Zeit entstand "Kulti", der Künstler-Kumpel, der in der Betriebszeitung des BKK auf Bergmannssprache über die Veranstaltungen im Kulturhaus berichtete. "Man war damals eben Kulti." In den Wendewirren gründete Wache mit vielen Freunden voller Enthusiasmus den "Birkchen"- Verein. Aus "Kulti" wurde "Birkinchen". Und Wolfgang Wache blieb sich treu. Mit Freunden die Kultur fördern ohne politische Zwänge. Eine Schreibschule. Gelebte Träume und Realität werden zum Alltagsgeschäft. Stoff für neue Gedanken in der Nacht. Und das Glücksgefühl am Morgen. Hintergrund Birkchen-Verlag Wolfgang Wache hat bisher eine Zusammenstellung seiner Texte aus den Jahren 1975 bis 2004 veröffentlicht. Die lyrischen Texte, Erzählungen und Gedichte sind abgedruckt in "Literarische Wanderbaustelle". Erschienen ist das Büchlein im Birkchen-Verlag, der vor allem junge Nachwuchsautoren verlegen will.