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Vor der Neiße ist für Züge Schluss

Görlitz. Görlitz und die gesamte Oberlausitz müssen wieder an den Eisenbahnfernverkehr angebunden werden. Dies fordern die Bundestagsabgeordneten Michael Kretschmer (CDU) und Stephan Kühn (Bündnis 90/Die Grünen) in einer gemeinsamen Resolution, die auch von ihrem Kollegen Thomas Jurk (SPD) unterstützt wird. ume

Gemeinsam mit dem Görlitzer Oberbürgermeister Siegfried Deinege (parteilos) haben Kretschmer und Kühn eine Initiative für den Anschluss der Oberlausitz an den Fernverkehr ins Leben gerufen. Diese soll politischen Druck auf die Entscheidungsträger ausüben.

Fußmarsch statt Bahnfahrt

"Görlitz und seine Partnerstadt Zgorzelec sind untrennbar mit der Entwicklung west-östlicher Verkehrswege verbunden. Heute müssen wir konstatieren, dass es in dieser europäischen Relation kein durchgehendes Fernverkehrsangebot mehr gibt", stellen die beiden Parlamentarier fest. Vor der Frage, wann und wie dieses etabliert werden kann, steht allerdings die Aufgabe, überhaupt erst einmal wieder einen grenzüberschreitenden Bahnverkehr zu organisieren. Derzeit ist nämlich für die Züge von polnischer wie von deutscher Seiten - zumindest theoretisch - in der Mitte des Neißeviadukts Schluss. Praktisch enden die Zugverbindungen freilich in den Bahnhöfen von Görlitz und Zgorzelec. Wie sie die Distanz zwischen den beiden Endstationen - knapp drei Kilometer - überwinden, bleibt den Reisenden zwischen den europäischen Metropolen Dresden und Wroclaw (Breslau) selbst überlassen: ob zu Fuß, mit dem Taxi oder mit der innerstädtischen Buslinie "P", deren Abfahrts- und Ankunftszeiten nicht im geringsten mit denen der Züge harmonieren. Dabei ging es auch schon anders. Bis Ende Februar fuhren täglich jeweils drei Regionalexpresszüge von Dresden über Görlitz nach Wroclaw und umgekehrt. Bestellt und finanziert wurden sie vom regionalen Verkehrszweckverband Zvon und von der Wojewodschaft Niederschlesien, gefahren von der Deutschen Bahn, die dafür extra einige Triebwagen umgerüstet hatte.

Im Februar dann kam die Hiobsbotschaft, dass die polnische Seite die Züge aus finanziellen Gründen abbestellt. Laut Piotr Rachwalski, Vorstandsvorsitzender der regionalen Eisenbahngesellschaft Koleje Dolnoslaskie S.A., gibt es derzeit keine Anzeichen, dass sich an dieser Entscheidung etwas ändert.

Görlitz für Polen tabu

Allerdings bringt er eine andere Möglichkeit ins Spiel: "Warum können wir nicht mit unseren Zügen bis auf den Bahnhof Görlitz fahren?" Auf allen anderen grenzüberschreitenden Bahnlinien dürften die polnischen Züge bis zum ersten deutschen Bahnhof fahren, nur in Görlitz sei ihnen dies nicht gestattet. "Nach dem schrecklichen Unglück des Harz-Elbe-Expresses am 29. Januar 2011 hat es für alle grenzübergreifenden Verbindungen eine Risikoanalyse gegeben, da die polnischen Züge nicht über die in Deutschland vorgeschriebene PZB-Technik verfügen, die die Züge nach dem Überfahren eines Haltsignals automatisch stoppt", erläutert Michael Wuth von der DB Netz AG. Im Ergebnis dieser Überprüfung sei Görlitz - anders als beispielsweise Forst - nicht freigegeben worden. Wuth weiß auch, dass eine Verlängerung der Streckenführung über Wroclaw hinaus bis nach Opole dazu geführt hätte, dass sich der polnische Staat an der Finanzierung beteiligt: "Allerdings gab es aus der Region Opole kein Interesse dafür."

Problemlösung: "Gabelverkehr"

Torsten Perner von der ETC Transport Consultants GmbH sieht die Zukunft der Bahnverbindung zwischen Dresden und Wroclaw in einem noch größeren Kontext: "Auch die Verbindung zwischen Berlin und Breslau ist denkbar schlecht. Mit einem ,Gabelverkehr', der sich von Breslau kommend in Görlitz in beide Richtungen aufspaltet, könnten beide Probleme gelöst werden."

Dabei ist Perner der Meinung, dass man auch "ohne Elektrifizierung ein gutes Angebot schaffen" könne. Diese freilich ist von polnischer Seite fest anvisiert - "in den nächsten drei bis vier Jahren wird Polen den noch fehlenden Abschnitt zwischen Wegliniec und Zgorzelec elektrifizieren", versichert Piotr Rachwalski.

Wann die deutsche Seite nachzieht, steht noch immer in den Sternen - trotz der erklärten Bereitschaft des Freistaates Sachsen, die Planung vorzufinanzieren. "Die noch fehlende Elektrifizierung zwischen Dresden, Görlitz und Cottbus muss im nächsten Bundesverkehrswegeplan festgeschrieben werden", fordern die Bundestagsabgeordneten Kretschmer und Kühn, die dies auch in ihrer Resolution fixiert haben.

Zum Thema:
Ein Blick in das Reiseportal der Deutschen Bahn AG verdeutlicht den ganzen Irrsinn der gegenwärtigen Situation. Wer am Ostermontag gegen Mittag von Wroclaw nach Dresden reisen wollte, bekam folgenden Vorschlag angezeigt: 12.07 ab Breslau, 14.38 an Poznan; 15.13 ab Poznan, 17.40 an Frankfurt/Oder; 18.34 ab Frankfurt/Oder, 19.51 Uhr an Cottbus; 20.06 Uhr ab Cottbus, 20.48 Uhr an Ruhland; 21.02 Uhr ab Ruhland, 22.06 Uhr an Dresden. Macht insgesamt neun Stunden und 59 Minuten für eine Entfernung von circa 270 Kilometern.