Von Rainer Könen

„Mit Recht erscheint uns das Klavier, wenn’s schön poliert, als Zimmerzier. Ob’s außerdem Genuss verschafft, bleibt hin und wieder zweifelhaft.“ Mit diesem Zitat von Wilhelm Busch hatte Stephan Mölke vor einer Weile in der Hoyerswerdaer Musikschule ein wenig Werbung in eigener Sache gemacht. Schließlich hängt die Lust am Klavierspielen ganz entscheidend davon ab, wie die Töne klingen. Der Hoyerswerdaer ist Klavierstimmer, seit 40 Jahren schon, ein seltener Vertreter dieser Zunft.

An diesem Vormittag ist Stephan Mölke im Lessing-Gymnasium. In einem Raum in der ersten Etage sitzt der 63-Jährige vor einem Klavier, hält den Kopf leicht geneigt, hört konzentriert auf jeden Ton. Dass die Lust an diesem Tasteninstrument mit der Tonschönheit steht und fällt, das weiß jemand wie er nur zu gut. Ein gespannter Gesichtsausdruck, in der rechten Hand den Spezialschlüssel, den sogenannten Stimmhammer, die linke auf den Tasten des Instruments. Dieses Klavier ist so verstimmt nicht, obwohl es doch von etlichen Schülern im Musikunterricht genutzt wird.

Um ein Klavier wieder in die passende Tonlage zu bringen, braucht der gebürtige Wiednitzer in der Regel anderthalb bis zwei Stunden. Es sind zwei Klaviere, die an diesem Tag im Lessing-Gymnasium darauf warten, von ihm wieder in die richtige „Stimmung“ gebracht zu werden. Mehr als drei am Tag gehe meist nicht, erklärt der 63-jährige Invalidenrentner. Das Gehör lasse einfach nicht mehr zu. Was auch daran liegt, dass das intensive Stimmen mächtig auf die Konzentrationsfähigkeit geht. Mölke stimmt die Instrumente von Privatpersonen, von städtischen Schulen, von Künstlern, die in der Lausitzhalle auftreten, und ist– wenn in wenigen Wochen die 54. Musikfesttage in Hoyerswerda eröffnet werden – besonders oft auch mit seinem Handwerkszeug, dem Stimmhammer und dem Stimmgerät, in der Stadt unterwegs.

Eigentlich hatte Stephan Mölke einen ganz anderen Beruf ergreifen wollen. Damals. Nach dem Abi­tur hatte er Betriebswirtschaft studiert. Doch nach einigen Semestern erkrankte er an einem Augenleiden, das ihn fast ganz erblinden ließ. Was tun? Nun, er ließ sich zum Klavierfacharbeiter, wie das damals in der früheren DDR hieß, umschulen.

Seitdem er in diesem Beruf arbeitet, habe er sicher „an die 6000 Klaviere gestimmt“, schätzt Mölke. Er hat dabei auch Instrumente für die in Hoyerswerda gastierenden Künstler stimmig gemacht. Machte Bekanntschaft mit Justus Frantz, Max Raabe oder wie zuletzt, mit Bodo Wartke. Diese renommierten Künstler, so Mölke, „haben ihre eigenen Vorstellungen, wie das Instrument zu klingen hat“. Sein Resümee aus diesen Begegnungen: „Die meisten Profis sind schon okay.“ Mölke muss hin und wieder von der 1940 festgelegten Standard-Tonhöhe, dem so genannten Kammerton, abweichen. Normal sind 440 Hertz, aber heutzutage, so Mölke, sei es in der modernen Orchestrierung üblich, die Frequenz des Kammertons auf bis zu 443 Hertz zu erhöhen. Oder auf eine sogenannte esoterische Schwingung herunterzufahren. Mölke: „Das sind 432 Hertz, da klingt ein Klavier weicher“. Eine Frequenz, die von so manchem zunehmend geschätzt werde. Weil man sich, beschreibt es Stephan Mölke, eine „bessere Symbiose mit dem Flügel“ verspreche.

Der Hoyerswerdaer erzählt davon, dass der Geräuschpegel eines Klaviers auch nicht ohne ist. Zwischen 115 und 125 Dezibel sind es, denen der 63-Jährige bei einer Stimmung ausgesetzt ist, die ein gutes Gehör und eine beträchtliche Konzentrationsfähigkeit verlangt. Mölkes Job kann aber auch gesundheitsschädigend sein. Wirbelsäulenschäden sind in der Branche fast Usus. Was aber kein Wunder ist: Das ständige Ziehen des Stimmhammers nach links drückt die Wirbelsäule nach rechts. Mölke: „Meine Wirbelsäule hat mittlerweile fast S-Kurven-Charakter“.

Nach einem Arbeitstag, an dem er sich den zumeist rund 220 Saiten eines Klaviers gewidmet hat, ist daheim Entspannung angesagt. Allerdings: Wer nun glaubt, dass sich Mölke abends noch mal ans Klavier setzt, um vielleicht bei einer Sonate von Bach zur Ruhe zu kommen, der irrt. „Zu Hause rühre ich mein Klavier nicht an“, erzählt er. Sein Entspannungsprogramm sieht anders aus. Denn er beschäftigt sich eingehend mit Modellbau. Oder hört einfach nur Musik. Nein, keine Klassik. Sondern Rockmusik. Rammstein oder die Rolling Stones.