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| 01:26 Uhr

Vor 65 Jahren kam der Krieg in die Stadt

Hoyerswerda. Man findet nicht mehr viele Spuren des Zweiten Weltkrieges in Hoyerswerda. An einer Wand in der Frentzelstraße wird noch deutlich sichtbar der Weg zum Luftschutzkeller gewiesen, am Bahnhof ist in kyrillischen Buchstaben zu lesen, dass es hier keine Minen mehr gibt. Das stammt aus Weltkriegszeiten, April 1945. Nur mit Detailkenntnis sieht man noch die teilweise erst nach der Wende geschlossenen Kriegslücken. Von Uwe Schulz

Vor 65 Jahren wurde das Antlitz der Stadt, wie sie bis dahin existierte, grundlegend geändert. Etliche Menschen verloren ihr Leben. Zwei Seiten des Marktplatzes, die Schloßstraße mit dem Burglehnhaus aus dem Jahre 1603, Teile der Kirchstraße und etliche andere Gebäude wurden so stark zerstört, dass sie anschließend abgerissen werden mussten. Nicht alle dieser Gebäude wurden durch Kampfhandlungen in Mitleidenschaft gezogen. Bei vielen waren auch Plünderungen samt Brandschatzungen die Ursache. Sei es durch Angehörige der Polnischen und sowjetischen Streitkräfte, sei es durch Einheimische.

Bombardierung am 18. April

Am 18. April 1945 erschütterte ein Luftangriff die Stadt. Nach Aktenstudium des Hobby-Historikers Heinrich Wolf handelte es sich dabei wahrscheinlich um Schlachtflieger der 2. Luftarmee der sowjetischen Luftstreitkräfte. Über 20 Hoyerswerdaer starben an diesem Tag durch die Bombardierung. Kreuzkirche und Kaspers Eck (heute Volksbank Bautzen) am Fünfarmigen Knoten wurden zerstört. Schon am Morgen hatte die 5. Gardearmee der 1. Ukrainischen Front bei Spreetal die Spree erreicht, begann 14 Uhr überzusetzen. Im Nebenstoß agierten die 52. Armee und die 2. Polnische Armee. Am Abend des 19. April war Hoyerswerda nach Auswertung militärischer Unterlagen umschlossen, dem Berichte von Einheimischen widersprechen. Sicher ist jedoch, dass an jenem Tag die evangelische Stadtkirche (heute Johanneskirche) ausbrannte.

Militärisch betrachtet war Hoyerswerda für das Kriegsgeschehen nicht wichtig. Die Stadt war zwar wie alle anderen Ortschaften auch zur Festung erklärt, aber, von ein paar Panzersperren abgesehen, nie entsprechend ausgebaut worden. Nennenswerte Wehrmachtsverbände hatten sich hier, so Heinrich Wolf in seiner Abhandlung „Zwischen Hauptstoß und Nebenrichtung“, wohl auch nicht verschanzt. Die Stadt wurde offenbar ohne größere Kämpfe spätestens am Abend des 20. April eingenommen.

„Schwarzer Markt“

Für die Insassen des Kriegsgefangenenlagers Elsterhorst (heute Nardt) kam das erste Zusammentreffen mit sowjetischen Streitkräften laut Neue Hoyerswerdaer Geschichtshefte erst am 23. April 1945. Zu diesem Zeitpunkt war es nur noch mit Kranken belegt. Alle anderen waren kurz zuvor evakuiert worden.

Von den schätzungsweise 55 Millionen Menschen, die weltweit im Zweiten Weltkrieg ihr Leben ließen, sind rund 720 im heutigen Hoyerswerdaer Ehrenhain bestattet, darunter 221 namentlich bekannte und 39 unbekannte deutsche Soldaten und Zivilisten, 196 Kriegstote der „Roten Armee“ sowie viele unbekannte Soldaten verschiedener Nationalitäten. Die Kriegsgräberstätte Nardt-Weinberg ist letzte Ruhestätte für über 1 200 Kriegstote geworden. Die Hälfte von ihnen starb nach Kriegsende im Lager Elsterhorst, das als Quarantäne- und Umsiedlerlager weiter genutzt wurde bis 1948.

Die Kriegsnarben in der Stadt blieben lange sichtbar. Was im April 1945 in wenigen Stunden zerstört wurde, ist bis heute nicht vollends wieder erneuert worden, wobei der „Schwarze Markt“ die größte verbliebene Kriegslücke ist.