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Vom Kettenbrief zu Facebook

"Willkommen"-Gartenzwerg in der neuen Sonderausstellung im Hygiene-Museum.
"Willkommen"-Gartenzwerg in der neuen Sonderausstellung im Hygiene-Museum. FOTO: dpa
Dresden. Die Freundschaft bietet ein Netz der Solidarität jenseits von Liebe, Familie und Staat. Sie kann vor Einsamkeit im Alter schützen und in Lebenskrisen helfen. In Zeiten der Generation Facebook indes scheint sie inflationär – und nicht immer echt. Simona Block

"Gruß, der Gartenzwerg!" 19 Postkarten mit roter Zipfelmütze vor Wolkenkratzern, Tempeln, Pyramiden oder Palmen zeugen im Deutschen Hygiene-Museum Dresden von einer besonderen Verbindung. Diese Zeugnisse einer kuriosen Liaison, die bundesweit Schlagzeilen machte, gehören zu rund 300 Exponaten der Schau "Freundschaft. Die Ausstellung über das, was uns verbindet". Der von einem Unbekannten gestohlene Gartenzwerg namens Hansi, der seine Besitzer aus aller Welt grüßte, steht in einer Vitrine.

Die Ausstellung (bis 1. November) beleuchtet das Phänomen in all seiner Widersprüchlichkeit: "Die Freundschaft ist es wert, dass man sich um sie kümmert", erklärt Museumsdirektor Klaus Vogel. Sie werde unterschätzt und stehe zu Unrecht im Schatten der Liebe. Fünf Abteilungen nähern sich von verschiedenen Seiten dieser zentralen Beziehungsform neben Liebe, Familie und staatlicher Fürsorge - von der Freundschaft unter Staaten bis zum Hund als "bestem Freund" des Menschen.

Der Rundgang führt vom Schaudepot mit Präsenten für und von deutschen Regierungschefs oder Präsidenten über eine Art Literaturmuseum mit Zeugnissen von Brieffreundschaften und eine Gemäldegalerie mit Reproduktionen von Bildern - von Dürer über Rubens bis Polke und Baselitz - bis zu einer Art Freilichtpark mit Riesenskulpturen zum sozialen Miteinander und einer Inszenierung der Freundschaft im 21. Jahrhundert.

Da ist der drei Meter lange rote Teppich zu sehen, der zwischen 1958 und 1968 in Bonn ausgerollt und für DDR-Chef Erich Honecker 1987 um einige Zentimeter verkürzt wurde. In nach Ländern geordneten Vitrinen finden sich "Zeichen der Freundschaft" wie eine Rose aus Kanzler Adenauers Garten, Ludwig Erhards Stetsonhut, eine Silberschatulle der englischen Königin oder eine Wodkaflasche, von der Altkanzler Gerhard Schröder lacht.

"Freundschaftsnetzwerke sind keine Erfindung des Computerzeitalters, sondern mindestens so alt wie der Briefverkehr", sagt Kurator Daniel Tyradellis und zeigt auf die "Gläserne Kette" - Zeugnis einer Brieffreundschaft, der auch Architekt Walter Gropius angehörte. Daneben finden sich Briefe des ersten Freundschaftsnetzwerks, das der Jurist und Dichter Johann Wilhelm Ludwig Gleim im 18. Jahrhundert knüpfte - als Begründer des literarischen Genres des Freundschaftsbriefs. "Die Frage war, wie schafft man Nähe mit Kommunikation", erklärt der Kurator.

Neben Postkarten einer Fernschachpartie zeugen auch kunstvoll gefaltete Banknoten davon, dass beim Geld die Freundschaft nicht aufhören muss. Versammelt sind zudem Zeugnisse der jüngeren Vergangenheit wie das rote Telefon aus der Ständigen Vertretung der DDR, ein Stück der Erdölleitung Druschba, die von "Freundschaftsbrigaden" mitgebaut wurde, oder ein Zellenzirkular von Gudrun Ensslin. Die RAF-Mitglieder kommunizierten trotz Isolationshaft - über die Verteidigerpost mit Decknamen und eigener Sprache zwischen Jargon und Geheimcode.

Werbebilder, Crowdfunding, Flashmob- und Facebook-Fotos und ausgestopfte Hunde hinterfragen aktuelle Formen der Freundschaft. "Es gibt heute die Tendenz, dass Menschen sich weniger um reale Freunde kümmern - zugunsten einer Maximierung der Freunde bei Facebook und anderen Plattformen im Netz", sagt Museumschef Vogel. Für die laut Tyradellis "neue Konjunktur der Freundschaft" steht das Projekt der Künstlerin Tanja Hollander, die sich die Frage nach der Echtheit digitaler Verbindungen stellt. Mit Fotos ihrer 626 Facebook-Freunde, die sie rund um den Globus besuchte, ist ein ganzer Raum tapeziert.