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| 19:40 Uhr

Kirchenrestaurierung
Verkehrt herum durchs Opernglas

Sandra Risz (oben) und Sonja Kaethen haben die Restaurierungsarbeiten in der Justkirche maßgeblich vorangetrieben.
Sandra Risz (oben) und Sonja Kaethen haben die Restaurierungsarbeiten in der Justkirche maßgeblich vorangetrieben. FOTO: Uwe Menschner
Kamenz. Die Arbeit an den Malereien in der Kamenzer Justkirche ist weit fortgeschritten. Die Restauratorinnen wechselten dabei zuweilen Perspektive. Von Uwe Menschner

Für seine sakralen Kunstschätze ist Kamenz weithin bekannt. Wenn davon die Rede ist, geht es zumeist um die reichhaltige Ausstattung der Hauptkirche St. Marien oder um die sechs Schnitzaltäre der Klosterkirche. Bald schon könnte ein neues, nicht weniger bedeutendes Besuchsziel hinzukommen: die Justkirche an der Königsbrücker Straße, unmittelbar am Fuße des Hutberges.

Das kleine, unscheinbare Gotteshaus, das heute hauptsächlich für Trauerfeiern genutzt wird, birgt einen bislang weithin unbekannten Schatz: „Wände und Gewölbe des Chorraums tragen eine zwischen 1400 und 1420 entstandene Ausmalung mit biblischen Szenen“, wie Pfarrer Michael Gärtner erklärt.

Im Laufe der Jahrhunderte waren die Malereien in Vergessenheit geraten, nachdem sie im 17. Jahrhundert überputzt worden waren. Erst 1938 kam die chronologische Bilderfolge, die, einem Comic nicht unähnlich, das Leben der Heiligen Jungfrau Maria und die Passion Christi erzählt, im Zuge einer Sanierungskampagne wieder ans Tageslicht. So erfreulich dieser Fakt an sich auch ist, hinterließen die damaligen Aktivitäten doch deutliche Spuren an den Kunstwerken: „Man verfuhr nach dem Motto ,Viel hilft viel’“, so der Pfarrer.

Heute weiß – und kann – man es besser. Entsprechend behutsam gingen Sonja Kaethen und Sandra Risz auf dem Gerüst im Inneren der Justkirche zu Werke. Die beiden freien Restauratorinnen aus Dresden erneuern seit dem Frühjahr die Wand- und Deckenmalerei, zeitweise unterstützt durch weitere Fachkräfte und Helfer. Und sie sind gut vorangekommen: „Die oberen beiden Ebenen haben wir fertiggestellt, jetzt müssen wir uns noch die unterste Ebene vornehmen“, erklärt Sonja Kaethen.

Dabei ging es nicht darum, neue Farbe aufzutragen. „Vielmehr haben wir die Schichten von Staub und Schmutz, die sich auf den Bildfeldern abgelagert hatten, entfernt und lose Stellen befestigt“, so Sandra Risz. Es seien „schöne Details ans Licht gekommen“. Um die Wirkung „von unten“, von wo aus ja die Kirchenbesucher die Malerei sehen, zu simulieren, bedienten sich die Restauratorinnen eines pfiffigen Tricks: „Wir blickten durch ein Opernglas, das wir uns verkehrt herum vor die Augen hielten.“

Parallel waren umfangreiche Arbeiten zur Verbesserung der Statik erforderlich: „Risse mussten verfüllt und fehlende Rippensteine ergänzt werden“, berichtet Pfarrer Michael Gärtner. Schließlich ist die kleine Kirche den fortwährenden Erschütterungen durch den Verkehr auf der unmittelbar vorbei führenden Staatsstraße 100 ausgesetzt.

Nach wie vor bleibt auch die Raumfeuchtigkeit ein Problem, das man unter anderem durch eine automatische Lüftung in den Griff bekommen will.

Das ursprünglich ausgegebene Ziel, die Arbeiten bis zum Frühjahr 2018 abzuschließen, konnte nicht erreicht werden. Voraussichtlich im Mai werden Sonja Kaethen und Sandra Risz die Tätigkeit wieder aufnehmen. Die Verzögerung dürfte verschmerzbar sein, wenn man die Vorgeschichte bedenkt. „Wir wollen nach dem Abschluss der Arbeiten die Aufmerksamkeit der interessierten Öffentlichkeit auf die Justkirche lenken“, kündigt Pfarrer Michael Gärtner an. Sie könnte – neben der Marien- und der Klosterkirche – einen weiteren Baustein von Führungen durch die sakralen Schätze der Stadt Kamenz bilden. „Eine durchgehende Öffnung wird es aber nicht geben, das können wir personell nicht absichern“, so der Pfarrer.