Am frühen Sonntagmorgen ist auf dem Hof der Familie Schlegel in Wittichenau schon viel los - ein Kommen und Gehen. Bei Vater Benno Schlegel (59), Mutter Monika (57), Stefan (33), Angela (29) und Philipp (20) dreht sich spätestens jetzt alles direkt oder indirekt ums Pferd. Auf dem Reiter- und Ponyhof der Schlegels stehen fast 30 Pferde von Prozessionsteilnehmern aus Wittichenau unter. Viele fleißige Hände kümmern sich um das Wohl von Pferd und Reiter - vor, während und nach der Prozession.
Monika Schlegel segnet die knapp 30 Reiter auf dem Hof und wünscht ihnen einen guten Ritt. Ehemann Benno und der jüngste Sohn Philipp sitzen hoch zu Ross, während Monika Schlegel und die Geschwister Angela und Stefan am Marktplatz nur einen kurzen Blick auf den Auszug der Prozession werfen. Dann geht es für die beiden Frauen und den ältesten Sohn zurück an die Arbeit am Hof. Nach den umfangreichen Vorbereitungen der Vortage sind noch nicht alle Handschläge getan.
Im Treppenhaus der Schlegels hängen Bleistiftzeichnungen einer Oster-Prozession, oben in der Küche steht am Fenster eine brennende Osterkerze. Ostern ist das wichtigste Fest im Kirchenjahr der Schlegels. "Mit der Verkündigung der Auferstehungsbotschaft wird für mich das Leben wieder voller. Mich befreit das und diese Freude teilt man gern", sagt Monika Schlegel.
Auf dem Küchenherd stehen viele Töpfe. Monika Schlegel bereitet das Essen für jene 13 Kreuzreiter aus Ralbitz vor, die sich zum Mittag auf dem Hof angekündigt haben. Das gute Geschirr von Schlegels Hochzeit ist für die Gäste gerade recht: "Das kommt nur Weihnachten und Ostern auf den Tisch", versichern die Frauen im Haus. Monika Schlegel verrät: "Heute gibt es Kartoffeln vom eigenen Acker, Rind, Schweineschnitzel mit Pilzen, Gemüse und Rotkraut und davor eine Hochzeitssuppe mit Eierstich und Leberknödeln." Das Rindfleisch stammt vom selbst geschlachteten Bullen.
Tochter Angela kommt indessen mit zwei frischen Torten aus dem Keller in die Küche. "Ostern komme ich, wenn immer es geht, zurück in meine Heimat", sagt Angela, die in Mönchengladbach als Hotelfachangestellte arbeitet.
Schon frühmorgens hat für Monika Schlegel der Tag mit Kartoffeln schälen begonnen. "Dann esse ich meist aber auch bis abends nichts vor lauter Aufregung. Erst wenn die Pferde verladen sind, finde ich wieder Ruhe", sagt Monika Schlegel. Riesig sei auch jedesmal die Aufregung, wenn sie am Morgen den Segen für die Reiter spreche. Seit 1993 mache sie das schon - und sei trotzdem noch immer aufgeregt.

Ankunft aus Ralbitz
Bislang läuft es für die Schlegel-Frauen nach Plan. Die Festtafel im Wohnzimmer ist gedeckt, die fertig gekochten Kartoffeln werden samt Topf in einer Decke eingewickelt, das Fleisch schmort in der Pfanne, die Hochzeitssuppe - zwölf Liter - köchelt im Keller. Zur gleichen Zeit sorgen Stefan Schlegel, zwei weitere Männer und drei Mädels aus Schmerlitz bei Ralbitz dafür, dass auch im Stall alles vorbereitet ist, wenn die Ralbitzer Reiter zum Mittag in Wittichenau eintreffen. Es ist noch Zeit, bevor mehr als 30 Pferde von Mittag bis etwa 15 Uhr in den Schlegelschen Ställen untergebracht werden müssen. Auf Karren werden die Pferdeäpfel und das alte Stroh aus den Boxen gefahren, neues Stroh wird ausgebreitet. Der Pferde- und Landwirt Stefan Schlegel, der gleichzeitig auch noch Reitlehrer ist, bleibt ruhig und gelassen. Die Handgriffe sitzen. Zum Schluss muss noch ein drei Wochen altes Fohlen seine Box f*am p*uuml;r eines der Gastpferde räumen. Doch der kleine Racker will erstmal gebändigt werden, bevor er - mit Unterstützung der Helfer aus Schmerlitz - vorübergehend auf den Pferdetransporter geladen wird. "Es hilft unglaublich, wenn Freunde oder Familien der Reiter aus Ralbitz uns hier zur Hand gehen", sagt Stefan.
Als gegen 12.30 Uhr die Wittichenauer Kirchturmglocken die Reiter aus Ralbitz in Wittichenau ankündigen, ist auf Schlegels Hof so gut wie alles getan. Stefan schafft es sogar, an der Hauptstraße die Kreuzreiter mit zu begrüßen.

Traditioneller Festschmaus
Mutter Monika holt währenddessen schon die Hochzeitssuppe aus dem Keller. Neun der erwarteten Ralbitzer Osterreiter sind schließlich in der Stube der Schlegels. Ein Gehrock muss genäht werden, ist eingerissen. Kein Problem: Monika Schlegel greift zum Telefon, und zwei Minuten später ist der Frack auf dem Weg in die Nachbarschaft, um geflickt zu werden. Neun hungrige Osterreiter, Angela, Stefan und ein Freund der Familie genießen die Mittagstafel. "Seit 1993 reiten wir schon hierher und freuen uns jedes Jahr auf die traditionelle Hochzeitssuppe", loben die Kockel-Brüder aus Cunnewitz die Schlegelschen Kochkünste. Thomas Kockel (41) reitet dieses Jahr zum 25. Mal bei der Prozession mit. Sein Bruder Matthias (44) und er haben die Stammplätze zur Mittagszeit in Schlegels Wohnstube schon seit 1993. Mario Mroß (36) aus Liebegast kehrt ähnlich lange auf Schlegels Hof ein. Nach dem Mittag bleibt Zeit f*amp *uuml;r einen kurzen Plausch. Stefan und die Reiter unterhalten sich über Pferde, das Reiten und Ostern. Dann brechen die "Osterbotschafter" zur Andacht in die Kirche auf. Stefan verabschiedet sich zurück zu den Pferden. Angela und Monika Schlegel räumen den Tisch ab und decken gleich wieder neu ein für die Kaffeetafel. Als die Männer dann nach einer knappen halben Stunde wieder da sind, haben auch die Frauen Zeit zum Durchatmen. Der Kaffee und das Tortenstück sind inzwischen mehr als nur redlich verdient.