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Unglücksstörche gedeihen prächtig

Gut umsorgt: Storchenjunge Albrecht, der Ende Mai aus dem Nest in Keula geworfen wurde, frisst schon mit gutem Appetit den Fisch aus der Hand von Manuela Kleemann. Seine Schwester Agathe liegt hinter ihm. Beide werden im Naturschutztierpark Görlitz großgezogen, wie auch drei Küken aus Horka.
Gut umsorgt: Storchenjunge Albrecht, der Ende Mai aus dem Nest in Keula geworfen wurde, frisst schon mit gutem Appetit den Fisch aus der Hand von Manuela Kleemann. Seine Schwester Agathe liegt hinter ihm. Beide werden im Naturschutztierpark Görlitz großgezogen, wie auch drei Küken aus Horka. FOTO: Hoffmann/rhf1
Wittichenau. Storchen-Experte Herbert Schnabel aus Wittichenau ist besorgt: "Unsere Elster auen waren mal ein Paradies für den Adebar. Doch in den letzten Jahren ist ein deutlicher Rückgang der Bestände zu beobachten. Reinhard Hoffmann / rhf1

Das ist besorgniserregend", sagt der Naturfreund. Im vergangenen Jahr hatten im Bereich des Altkreises Hoyerswerda zwölf Storchenpaare immerhin noch 15 Jungtiere aufgezogen. Aber auch das war gegenüber den Vorjahren schon nur noch etwa die Hälfte. "In diesem Jahr weiß ich nur von fünf Horsten, in denen jetzt noch Junge aufgezogen werden", stellt er fest.

Extreme Wetterunbilden und Nahrungsmangel für die Störche scheinen oft die Ursache dafür zu sein, dass die Storchenbruten nicht erfolgreich sind. Doch manchmal sind es auch tragische Horstkämpfe. Eine dieser Tragödien hat sich vor wenigen Wochen in Keula im Storchenhorst auf der Dorflinde ereignet. Für zwei der vier Jungtiere gibt es aber nun doch noch ein Happy End - im Naturschutztierpark Görlitz gedeihen sie prächtig.

Was war geschehen? Ende März hatte ein Storchenpaar das Nest auf der Keulaer Linde bezogen. Schon bald schlüpften aus den Eiern vier Küken. Doch dann kehrte der Storchenvater eines Tages nicht mehr zurück. Wie sich herausstellte, war er tödlich verunglückt.

Der Kamenzer Zoologe Olaf Zinke vom Museum der Westlausitz untersuchte auf Bitten der Wittichenauer den verendeten Storch, dessen Alter anhand seines Ringes auf mehr als 15 Jahre geschätzt wurde. Zinke ermittelte innere Verletzungen, die das Tier sich bei einem Anflug an eine Starkstromleitung zugezogen haben könnte. Am 27. Mai beobachteten Anwohner dann ein fremdes Storchenpaar, das die Keulaer Adebar-Familie attackierte. Die allein zurückgebliebene Störchin konnte Nest und Junge nicht mehr verteidigen. Die Eindringlinge warfen den Nachwuchs aus dem Nest. Doch den Absturz haben zwei Jungvögel überlebt. Einer verstarb, das vierte Küken wurde nicht gefunden.

Herbert Schnabel, der bis 2014 mehr als 20 Jahre lang die Wittichenauer Ortsgruppe des Naturschutzbundes geleitet hat, schaffte es nach einem bangen Wochenende, dass den überlebenden Storchenküken in Zusammenarbeit mit der Naturschutzbehörde das Überleben gesichert wurde. In der Wildtierauffangstation des Tierparkes Görlitz werden sie derzeit mit Hand aufgezogen und haben eine zeitweilige Heimat gefunden.

Horstkämpfe kommen in der Natur immer wieder vor. Zoologe Olaf Zinke erläutert dazu: "So traurig das Ereignis ist, aber der so genannte Infantizid ist im Tierreich eine Form der Arterhaltung. Störche und die meisten Wirbeltiere ziehen keine fremden Jungen auf. Jedes Männchen will seine eigenen Erbanlagen weitergeben". In nahrungsarmen Jahren werfen manchmal sogar die Eltern die eigenen Küken aus dem Nest, wenn sie nicht mehr ausreichend Futter heranschaffen können.

Im Tierpark Görlitz geht es den beiden geretteten Nachwuchs-Adebars aus Keula indessen sehr gut. Die erfahrene Tierpflegerin Manuela Kleemann hat derzeit fünf Jungstörche in Pflege. Sie ist froh, dass die beiden Keulaer sich gut entwickeln. Sie leben in Gesellschaft mit drei verwaisten Storchenkindern aus Horka.

Die Jungstörche haben inzwischen sogar Namen bekommen: Albrecht und Agathe heißen die Wittichenauer Tierkinder. "Das Storchenmännchen war zunächst unser Sorgenkind mit einem hängenden Flügel und einigen Hackwunden am Kopf. Inzwischen ist er aber sehr aktiv und wiegt schon vier Kilogramm", erzählt Manuela Kleemann. Ein Görlitzer hat die Patenschaft für den Weißstorch-Teenie übernommen. Agathe bringt es auf inzwischen 3,4 Kilogramm und hat sich gut eingelebt. Ziel ist es, die Tiere im August im Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft an die Freiheit zu gewöhnen und auszuwildern.