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| 13:10 Uhr

Umfrage
Sorgen wegen des Strukturwandels

 Erika Wustmann (66, l.) aus Laubusch und Gerdi Kutschick (73) aus Hoyerswerda diskutieren rege über den Strukturwandel. Sie sind skeptisch, dass alles gut geht.
Erika Wustmann (66, l.) aus Laubusch und Gerdi Kutschick (73) aus Hoyerswerda diskutieren rege über den Strukturwandel. Sie sind skeptisch, dass alles gut geht. FOTO: LR / Anja Hummel
Hoyerswerda. Kohle adé: Die Bürger sind in puncto Strukturwandel zwiegespalten. Während die junge Generation zuversichtlich ist, zeigt sich die ältere Garde Hoyerswerdas skeptisch. Eins aber ist allen klar – es ist kurz vor zwölf. Von Anja Hummel

Seit gut einer Woche liegt er vor – der Abschlussbericht der Kohlekommission. Darin enthalten: Die Vorschläge für die Bundesregierung, wie der Ausstieg aus der Braunkohle gestaltet werden soll. Schluss mit Stromgewinnung aus Kohle ist demzufolge spätestens im Jahr 2038. Der Bund hat 40 Milliarden Euro Strukturhilfe für die betroffenen Reviere zugesagt. Was jetzt beginnt: die eigentliche Arbeit der Entscheidungsträger und Gestalter. Die RUNDSCHAU hat sich in Hoyerswerda umgehört, wie die Stimmung in Hoyerswerda zum Thema Strukturwandel ist.

„Nein, also 20 Jahre reichen nicht, auf keinen Fall“, ist sich Erika Wustmann sicher. Die 66-Jährige schüttelt vehement mit dem Kopf. Mit ihrer Freundin Gerdi Kutschick hat sie sich auf einer Bank im Hoyerswerdaer Lausitz-Center niedergelassen. Was den Strukturwandel anbelangt, sind sie sich einig. Das vorherrschende Gefühl: Skepsis. „Für mich ist die Entscheidung nicht nachvollziehbar. Viel zu viele Dinge sind doch überhaupt nicht abgeklärt“, sagt Erika Wustmann. Die Ortschaftsrätin aus Laubusch befürchtet, „dass wir den Strom nicht mehr bezahlen können, wenn die Kohle weg ist und sich alles nur noch um erneuerbare Energien dreht“. Auch die 73-jährige Gerdi Kutschick glaubt nicht an einen erfolgreichen Strukturwandel. Beide Frauen fürchten mehr Armut. „Ich sorge mich einfach um meine Kinder und Enkelkinder“, sagt Rentnerin Erika Wustmann.

 Natalie Grieger (24, l.) und Jennifer Langer (24) aus Spremberg kommen zum Shoppen nach Hoyerswerda. Sie sagen: Auf dem Arbeitsmarkt muss viel passieren, damit die jungen Leute in der Region bleiben.
Natalie Grieger (24, l.) und Jennifer Langer (24) aus Spremberg kommen zum Shoppen nach Hoyerswerda. Sie sagen: Auf dem Arbeitsmarkt muss viel passieren, damit die jungen Leute in der Region bleiben. FOTO: LR / Anja Hummel

Nicht weniger besorgt äußern sich zwei Hoyerswerdaer. Die Männer sind „ehemalige Bergbauleute“, wie sie sagen. Ihren Namen möchten sie nicht nennen. Was sie pessimistisch sein lässt, ist ihr Misstrauen in die Politik. „Die können jetzt versprechen, was sie wollen. Die sind dann eh nicht mehr am Ruder“, prophezeit einer der Herren. Was Hoyerswerda braucht, damit der Strukturwandel gelingt? Verkehrsanbindungen in alle Richtungen – allein bis nach Leipzig brauche man rund zweieinhalb Stunden mit der S-Bahn. Die Stadt wieder herrichten und Industrie ansiedeln, werfen die Männer ebenfalls in den Ring. Mit neuen Behörden sei Hoyerswerda nicht geholfen. Schließlich habe nicht jeder studiert, es müsse was für die „Arbeiter“ her. Was ihrer Meinung nach dazugehört: das Angleichen der Löhne. „Man kann es der Jugend ja überhaupt nicht übel nehmen, dass sie nicht hierbleiben“, sagt einer der Rentner frustriert.

Optimistischer, dafür nicht weniger kritisch, zeigen sich zwei junge Mütter. Natalie Grieger und Jennifer Langer kommen aus Spremberg, sind zum „Zeit vertrödeln“ im Lausitz-Center unterwegs. „In unserer Stadt gibt es sowas ja nicht“, bemerkt Jennifer Langer mit einem Augenzwinkern. Beide Frauen sind in Spremberg groß geworden. „Ich habe aber für dreieinhalb Jahre in Bautzen gewohnt, bin jetzt wieder zurückgekehrt.“ Nicht der Arbeit, sondern der Liebe wegen. Ansonsten hätte es sie wohl nicht in die alte Heimat zurückverschlagen, „Hier muss sich schon einiges ändern, damit die jungen Leute hierbleiben“, sagt die 24-Jährige. Sie selbst pendelt täglich nach Cottbus, ist dort als Friseurin tätig. „Viele mit Handwerksberufen hauen alleine wegen der Bezahlung ab“, weiß sie aus ihrem Bekanntenkreis. Wegziehen, das möchte sie nicht. Was sie an Ort und Stelle hält: das Heimatgefühl. Ähnlich geht es ihrer Freundin Natalie. Als junge Mutter in der Altenpflege sei es nicht einfach, ein passendes Angebot zu finden. Insgesamt, sagt sie, müssten die Unternehmen offener ihren Arbeitnehmern gegenüber sein. „Sonst muss man einfach gezwungenermaßen woanders hin.“ Was die Region für die Jugend auch attraktiver machen würde: mehr Freizeitangebote, mehr Grün. Aber insgesamt sind sie optimistisch. „Wenn man sich jetzt einen Kopf macht und wirklich mit den Vorhaben anfängt, ist alles möglich für die Region“, sagt Jennifer Langer.

Einen verbindlichen Zeitplan für die Umsetzung, den fordern auch die Handwerkskammern (HWK) in Brandenburg und Sachsen von den Bundes- und Landespolitikern. Nach Angaben der HWK sind 18 000 Handwerksbetriebe mit knapp 84 000 Beschäftigten und 4000 Auszubildenden in der Lausitz mittelbar vom Kohleausstieg betroffen. Es geht um eine jährliche Wertschöpfung von 1,4 Milliarden Euro, die ersetzt werden muss. Laut einer aktuellen Umfrage der Handwerkskammern Cottbus und Dresden zum „Strukturwandel in der Lausitz“ blicken mehr als 60 Prozent der befragten Unternehmen sorgenvoll in die Zukunft. Sie befürchten im Zuge des Braunkohleausstiegs den Verlust von Kaufkraft, die Abwanderung und Abwerbung von Fachkräften aus der Region und eine steigende Steuer- und Abgabenlast.

 Hoyerswerda, Spremberger Straße: Diese Straße hat sich durch den Lückenschluss in der Altstadt in den vergangenen zehn Jahren sehr verändert.
Hoyerswerda, Spremberger Straße: Diese Straße hat sich durch den Lückenschluss in der Altstadt in den vergangenen zehn Jahren sehr verändert. FOTO: LR / Sascha Klein

Auch Friedrich Lutz aus Hoyerswerda glaubt nicht wirklich an neue Investoren, die seiner Ansicht nach aber dringend notwendig sind. „Das Jahr 1991 hängt Hoyerswerda noch richtig an.“ Der 64-Jährige spricht von den tagelangen, rassistischen Übergriffen in der Stadt. „Damals, als alle randaliert haben, aus ganz Deutschland, und es dann hieß, das seien alles Hoyerswerdaer gewesen“, sagt Friedrich Lutz immer noch entrüstet. Neben ihm steht Kerstin Steglich-Roblick. Auch sie blickt nicht sehr optimistisch in die Zukunft. „Es wird schon seit 25 Jahren geredet.“ Über Infrastruktur, über Investoren, über alles. „Und viel passiert ist seitdem nicht“, sagt die Hoyerswerdaerin.

Auch für Hoyerswerdas Oberbürgermeister Stefan Skora (CDU) ist der Zeitraum bis 2038 „zu ambitioniert“. „Die Menschen in der Region brauchen aber die Umsetzung von Sofortmaßnahmen“, sagte er vor einer Woche nach Bekanntgabe des Kohle-Abschlussberichts gegenüber der RUNDSCHAU. Und auch Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke äußerte am vergangenen Freitag: „Wir müssen zügig vorankommen. Die Projekte dürfen nicht zwischen Behörden und Aktendeckeln hängen bleiben.“ Es solle nun einen Staatsvertrag des Bundes mit den betroffenen vier Ländern Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen geben.