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| 14:37 Uhr

Hoyerswerda
Ringen statt Raufen

Die Ringer-Jungs vom TuS Empor Hoyerswerda.
Die Ringer-Jungs vom TuS Empor Hoyerswerda. FOTO: LR / Anja Hummel
Hoyerswerda. Im Verein „Tus Empor Hoyerswerda“ wird Ringkampfsport trainiert. Seit einiger Zeit sind auch Heimkinder auf der Matte dabei. Von Anja Hummel

Eine Matte, zwei Männer, drei Griffe. Zugegeben, die Männer sind noch ziemlich jung. Aber Damian und Lennox „kämpfen“ schon wie zwei Große. Mit festem Blick und wohl noch festerem Griff wirft der achtjährige Damian seinen Gegner auf die Matte, bevor er ihn dann geschickt auf den Rücken dreht. Keine Chance für Lennox. „Den Armdrehschwung mache ich am liebsten“, erzählt Damian noch wenige Minuten zuvor am Rande der Matte. Sieben verschiedene Griffe kann er schon. Sein Kampfgewicht: 25 Kilogramm.

Den Ring – oder besser gesagt die Sporthalle – teilt sich Damian mit zehn anderen Jungs und Trainer Robby Bosdorf. „Ringen bedeutet Schnelligkeit, Geschick, Intelligenz und Dynamik“, prescht der 58-Jährige heraus. Mit Rangelei habe das herzlich wenig zu tun. Sein Verein ist der Tus Empor Hoyerswerda, seit 1968 ist Bosdorf dabei. Er sitzt auf der Holzbank, die Jungs haben sich warm gemacht, das Grifftraining steht an. Robby Bosdorf lässt seinen Ringernachwuchs nicht aus den Augen, gibt forsche, knappe Anweisungen. Ohne Disziplin funktioniere es nicht. Er selbst war bis zu seinem 18. Lebensjahr aktiver Ringkampfsportler. „Ich war gutes Mittelmaß“, schätzt er seine Leistung ein. Sein größter Erfolg: der sechste Platz bei den DDR-Meisterschaften. Er erinnert sich: „Ich habe damals meinen Vater gequält, ich wollte unbedingt zum Ringen gehen.“ Mit acht Jahren durfte er schließlich auf die Matte. „Im Ring kannst du dich auf keinen anderen verlasse, musst zeigen, was du kannst“, sagt er energisch. Früher habe er 87 Kilogramm auf die Waage gebracht, die Figur sei athletischer gewesen. Er schmunzelt.

Heute trifft man Robby Bosdorf dreimal pro Woche in der Sporthalle am Lessing-Gymnasium. Ehrenamtlich macht er das, ist mächtig stolz auf seine Schützlinge. Erst vor wenigen Wochen waren sie auf dem Hans-Wittwer-Gedenkturnier in Dresden. Mit Erfolg: Der Hoyerswerdaer Lucas Katzwinkel hat in seiner Alters- und Gewichtsklasse den ersten Platz errungen. „Beim Ringen kommt man richtig ins Schwitzen und lernt seine Grenzen kennen“, erzählt der Neunjährige, berichtet von seinen vielen Medaillen. „Auf meiner Schule bin ich der einzige Ringer, die finden das alle cool.“ Auch Damian war in Dresden dabei, es war sein erster offizieller Wettkampf. Mit seinen acht Jahren ist er im gleichen Alter wie damals Robby Bosdorf, als er mit dem Sport anfing. Der Unterschied: Damian musste seinen Vater nicht erst vom Ringen überzeugen. Denn er wohnt nicht bei seinen Eltern, hat keinen Kontakt zu ihnen. Damian lebt im Kinder- und Jugendheim der Arbeiterwohlfahrt. Erzieher Roloff Rach ist beim Training dabei. Er hat den Kontakt hergestellt, war früher selbst Ringer. „Ich habe das auf dem Hof beobachtet. Die Kinder raufen sich so oder so. Hier passiert das in gelenkten Bahnen. Bei einigen ist sicher auch Aggressivität und Trauer da, weil sie nicht zu Hause sein können“, schätzt der Awo-Mitarbeiter. Seit anderthalb Jahren kommt er mit den Heimkindern in die Halle. „Es ist einfach eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung, sie entwickeln Ehrgeiz und müssen sich durchkämpfen“, sagt Rach. Manchmal wüssten die Jungs nun mal nicht so recht, wohin mit ihrer Kraft. Der Sport fängt das auf. Nicht nur ihr Selbstbewusstsein wachse dadurch, so der Erzieher. „Sie schaffen sich auch ein neues Umfeld abseits vom Heim, lernen andere Kinder kennen.“

Ringer-Startschuss auf der Matte - Damian greift an.
Ringer-Startschuss auf der Matte - Damian greift an. FOTO: LR / Anja Hummel

Sechs Jungs aus dem Awo-Kinderheim sind derzeit im Ringer-Team von Robby Bosdorf. Der stellt eindeutig fest: „Die Kinder sind durch den Sport ruhiger geworden. Mit ihnen zu arbeiten, hat anfangs schon viel Kraft gekostet. Aber es hat sich gelohnt“, lässt er den Blick Richtung Matte schweifen. Damian hat seinen Gegner schon wieder „fest im Griff“. Was er kurz zuvor vorsichtig flüsternd auf der Holzbank verraten hat? „Manchmal verliere ich auch mit Absicht.“ Schließlich könne er nicht jedes Mal gewinnen.

Interessierter Nachwuchs ist immer willkommen. Trainer Robby Bosdorf bittet um vorherige Anmeldung unter 0176 70043172. Das Training findet immer dienstags, mittwochs und donnerstags von 16 bis 18 Uhr in der Sporthalle des Lessing-Gymnasiums Hoyerswerda statt.

Fest im Griff: Damian Walde (8) hat seinen Gegner auf die Matte gelegt.
Fest im Griff: Damian Walde (8) hat seinen Gegner auf die Matte gelegt. FOTO: LR / Anja Hummel