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| 17:16 Uhr

Hoyerswerda: „Aktive Mittagspause“ im Krankenhaus
Tarifzoff am Klinikum

 Verdi lädt die Klinikum-Mitarbeiter zum Schwatzen außerhalb der Station: OP-Schwester Karolina Lehmann (v.l.), Betriebsratsvorsitzende Angelika Schubert, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Kerstin Herzer, Gewerkschaftssekretärin Sabine Baron, Sekretärin Marina Horschig.
Verdi lädt die Klinikum-Mitarbeiter zum Schwatzen außerhalb der Station: OP-Schwester Karolina Lehmann (v.l.), Betriebsratsvorsitzende Angelika Schubert, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Kerstin Herzer, Gewerkschaftssekretärin Sabine Baron, Sekretärin Marina Horschig. FOTO: LR / Rita Seyfert
Hoyerswerda. 500 Euro weniger pro Jahr, dafür 52 Arbeitsstunden mehr als im Westen: Die Beschäftigten am Lausitzer Seenland Klinikum kämpfen für gleiche Löhne und Arbeitszeiten. Von Rita Seyfert

Verdi hat die Mitarbeiter vom Lausitzer Seenland Klinikum am Dienstag zur aktiven Mittagspause aufgerufen. „Wir sind es wert“, so lautete das Motto von 11 bis 13 Uhr gegenüber der Apotheke. Mit dem bundesweiten Aktionstag will Verdi den Druck vor der dritten Verhandlungsrunde mit der Sana Kliniken AG am 23. Mai erhöhen.

Ziel ist eine Entgelterhöhung von sieben Prozent. Eine Arbeitszeitangleichung zwischen Ost und West ist ebenso im Gespräch. In den neuen Bundesländern wird mit 39,5 Stunden immer noch eine Stunde länger gearbeitet als im Westen. Auch im Seenland Klinikum wird für weniger Geld mehr geleistet.

Rund 150 Mitarbeiter beteiligen sich an Solidaritätsaktion

Die aktuellen Tarifverhandlungen im Konzern haben direkte Auswirkungen auf die anstehenden Haustarifverhandlungen in Hoyerswerdas Krankenhaus. Das Klinikum hat mit Verdi einen Haustarifvertrag auf Basis des Konzerntarifvertrages geschlossen. Gewerkschaftssekretärin Sabine Baron: „Unser langfristiges Ziel ist es, dass der Konzerntarifvertrag auch vom Seenland Klinikum übernommen wird.“

Die Klinikleitung wollte die Aktion und damit verbundene Forderungen nicht kommentieren. Nichtsdestotrotz, rund 150 Mitarbeiter aus nahezu allen Fachbereichen beteiligten sich an der Solidaritätsaktion. Eine derjenigen, die in der Mittagspause auf einen Schwatz bei Verdi vorbei schaute, ist OP-Schwester Karolina Lehmann aus Cunnewitz bei Wittichenau.

Während sie Kartoffelsuppe aus der Gulaschkanone löffelt, berichtet sie von ihrer Ausbildungszeit am St. Joseph Krankenhaus in Tempelhof in West-Berlin. „Dort durfte ich eineinhalb Stunden früher in den Feierabend gehen“, erzählt sie. Inzwischen ist die Rückkehrerin wieder in ihrer Heimat tätig, trotz gleicher Arbeit allerdings für weniger Geld.

Viele Azubis springen ab, weil die Vergütung anderswo besser ist

Dass es die jungen Kollegen in die Ferne zieht, könne sie gut verstehen. „Der bessere Lohn war damals auch für mich ein Grund, hier wegzugehen“, sagt sie. Den dadurch bedingten personellen Engpass sehe sie kritisch. Ansonsten sei sie aber zufrieden. Auf jeder Etage gebe es kostenlose Getränke. Und die Kantine bietet das Essen für Mitarbeiter günstiger an.

Das allein reicht aber offenbar nicht. Als Betriebratsvorsitzende ist Angelika Schubert bei allen Vorstellungsgesprächen dabei. „In Zeiten des Pflegenotstands können sich die Leute aussuchen, wo sie ihren Arbeitsvertrag unterschreiben“, stellt sie klar. Viele Azubis würden wieder abspringen, weil die Vergütung anderswo besser ist. „Und das ist schlecht für die Region.“

Laut aktuellem Haustarifvertrag verdienen Gesundheits- und Krankenpflegeschüler am Seenland Klinikum derzeit etwa zehn Prozent weniger als im Konzerntarifvertrag. Pflegefachkräfte erhalten am Klinikum 500 Euro weniger. Und obendrauf kommen 52 Arbeitsstunden mehr pro Jahr als bei den Kollegen im Westen.

Rotation zwischen den Stationen ist gewünscht

Das größere Problem sei die Arbeitsverdichtung. Betriebsratsvorsitzende Schubert: „Mit so wenig Personal wie nötig so viel Arbeit wie möglich schaffen, mit dieser Strategie ist der Betriebsrat nicht einverstanden.“ Heute müsse jeder alles können und flexibel sein, sagt sie. So sei es unter anderem gewünscht, dass die Schwestern zwischen einzelnen Stationen rotieren, um Engpässe auszugleichen.

Zwar beteiligt Sana seine Mitarbeiter auch am wirtschaftlichen Erfolg: Zehn Prozent vom Gewinn über zwei Millionen Euro werden immer im Folgejahr zu gleichen Teilen auf die Köpfe vom nicht-ärztlichen Dienst aufgeteilt. Andererseits ist Sana ein Wirtschaftsunternehmen. Und damit sind die Personalausgaben abhängig vom erwarteten Gewinn der privaten Krankenkassen als Anteilseigner.

Bei den Tarifverhandlungen bleiben Mitarbeiter der Service-Gesellschaften außen vor

Noch ist ungewiss, wie die Tarifverhandlungen enden. Fest steht aber schon jetzt, dass nicht alle vom Ergebnis profitieren werden.  Ob die Gebäude-Reiniger von Lausitz Clean, die Köche von Lausitz Catering, die Physiotherapeuten und Ärzte von Lausitz Med oder die Handwerker der Betriebsverwaltungsgesellschaft: Kaum einer von ihnen hat seit der Ausgründung eine Gehaltserhöhung gesehen.

Bei den anstehenden Tarifverhandlungen bleiben die Mitarbeiter der Service-Gesellschaften außen vor. Es ist ein wohl offenes Geheimnis, dass Tochterunternehmen gegründet werden, um Tarifverträge zu umgehen. Eins ist jedenfalls sicher, für die Patienten ziehen sie alle am gleichen Strang.