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Steinzeit-Grüße aus dem Sand gesiebt

Unzählige winzige Splitter und Trümmerteile von der Pfeilspitzenbearbeitung der Steinzeit-Menschen, aber auch Knochenreste und Keramikscherben haben die Archäologen auf der Trasse für die künftige Ortsumfahrung der B 96 bei Hoyerswerda entdeckt. Bis Ende dieser Woche dauern die Grabungen an.
Unzählige winzige Splitter und Trümmerteile von der Pfeilspitzenbearbeitung der Steinzeit-Menschen, aber auch Knochenreste und Keramikscherben haben die Archäologen auf der Trasse für die künftige Ortsumfahrung der B 96 bei Hoyerswerda entdeckt. Bis Ende dieser Woche dauern die Grabungen an. FOTO: cw
Hoyerswerda. Archäologen haben bei Grabungen an der Ortsumfahrung für Hoyerswerda Erstaunliches entdeckt: Pfeilspitzen und Feuersteinartefakte aus der Mittleren Steinzeit gab die sandige Erde frei. Catrin Würz

Schon vor mehr als 9000 Jahren hat der Mensch bei seinem Tagwerk Abfall hinterlassen. Beim Abschlagen von Pfeilspitzen fielen die steinernen Reste und Trümmerstückchen einfach zu Boden. Doch das ist genau der "Abfall", der heute bei den Archäologen Begeisterung auslöst. An der Trasse der künftigen Ostumfahrung der B 96 haben sächsische Archäologen gleich an mehreren Stellen genau solche Überreste von menschlichem Tun aus sehr früher Vorzeit gefunden. Aus der mittleren Steinzeit stammen die teils winzigen, mikrolithischen Funde und sind damit 8500 bis 12 000 Jahre alt. "Ein wirklich bemerkenswerter Fund", freut sich Dr. Rebecca Wegener, Gebietsreferentin beim Landesamt für Archäologie Dresden. Grabungsfunde von solch hohem Alter sind immer noch eine echte Seltenheit.

Bereits seit November 2016 begleitet das Landesamt für Archäologie Sachsen mit vier Mitarbeitern den Trassenaufschluss für den Bau der Ortsumfahrung Hoyerswerda der B 96. An der 6,7 Kilometer langen Strecke wurde zunächst mit einem Bagger für das Grabungsteam ein vier Meter breiter Suchstreifen abgezogen. Das geübte Auge von Grabungsleiter Olaf Ullrich fand auf diesen Bereichen sechs Verdachtsstellen, von denen vier auch wirklich zu Fundstellen wurden. "Und ein bisschen kam uns Freund Zufall zu Hilfe", erzählt der Grabungsleiter. Nach einem ausgiebigen Platzregen auf den freigelegten Suchstreifen lagen eines Morgens auf einem Areal nahe dem Froschradweg eindeutige Steinabschläge frei. "Das war für uns das Signal: Hier müssen wir weiter suchen", so Olaf Ullrich. In einem strengen Quadrantensystem wurde die Fundstelle weiter eingegrenzt und letztlich Schicht für Schicht abgetragen und akribisch ausgesiebt. Die Ausgräber entdeckten Feuersteinartefakte, also von Menschenhand geschlagenen Feuerstein. Darunter fanden sich auch einige Pfeilspitzen, die aufgrund ihrer Form und Größe ihr Alter verraten: das Mesolithikum, die Mittlere Steinzeit.

Insgesamt konnten auf der Trasse drei mittelsteinzeitliche Fundplätze nachgewiesen werden. Diese hatten einen Durchmesser von rund fünf Metern und sind aufgrund der hohen Konzentration von Artefakten zu erkennen. Darüber hinaus wurden Zeugnisse für Feuerstellen gefunden: gebrannte Feuersteinartefakte, Knochensplitter und Geröllfragmente.

Die Fundstellen sind die Spuren eines offensichtlich nur sehr kurzen Aufenthaltes einer kleinen Gruppe - vielleicht sogar auch nur einer einzelnen Person -, die vor zwölf- bis neuntausend Jahren eine Rast an dieser Stelle einlegte.

In der Mittleren Steinzeit waren die Menschen noch nicht sesshaft, sondern zogen als Jäger und Sammler umher, erläutert Rebecca Wegener. Die Spuren solcher kurzzeitigen Rastplätze sind nicht immer einfach zu identifizieren und kamen bislang nur auf den großen Flächenuntersuchungen in den Tagebauen vor. "Um so glücklicher sind wir, dass wir hier nun gleich mehrere Fundstellen dieser Art haben", erklärt die Mitarbeiterin des Landesamtes.

Bereits fast 1000 verschiedene Objekte hat das Ausgrabungsteam nahe Hoyerswerda eingesammelt - von winzigen Steinabschlägen und Knochensplittern bis hin zu Keramikscherben, die höchstwahrscheinlich der Trichterbecherkultur in der Jungsteinzeit zuzuordnen sind. Einiges davon wird zur genauen Altersbestimmung nun noch eingehend untersucht. Die detaillierten Ergebnisse werden zwar erst in ein paar Monaten vorliegen und ausgewertet sein. Die Grabung bei Hoyerswerda ist aber für die Archäologen schon jetzt ein "großer Erfolg.".