Von Sascha Klein

Seit rund zwei Jahren forciert die Stadt Lauta den Verkauf des alten Kinderwochenheim-Areals an der Friedrich-Engels-Straße. Vor wenigen Wochen hat sich der Stadtrat für einen Bieter entschieden – bereits zum zweiten Mal in zwei Jahren. Das Projekt Dogwerk hat den Zuschlag bekommen. Verhandlungen laufen. Interessent Martin Geyer aus Lauta will dort ein Trainings- und Schulungszentrum für Mensch und Tier einrichten.

Auch Steffi und Andreas Vetter aus Leippe hatten einst Großes mit dem Gelände vor. Sie sind diejenigen, die zunächst den Zuschlag erhalten und das Dogwerk-Projekt auf Platz zwei in der Gunst des Stadtrats verwiesen hatten. Sie wollten dort Mehrgenerationenwohnen etablieren – Alt und Jung nebeneinander. Das Votum ist eindeutig gewesen: Und dann: Dann ist offiziell lange nichts passiert. „Wir haben nicht wegen des Kaufpreises diskutiert“, sagt Steffi Vetter jetzt im Gespräch mit der RUNDSCHAU. „Ich möchte klarstellen, dass es sich bei dem Gelände um ein belastetes Grundstück handelt“, sagt sie.

Vetters wollten im Frühjahr 2018 Sicherheit, wenn sie einen größeren sechsstelligen Betrag in den Ausbau des Areals stecken. Sie haben ein Gutachten in Auftrag gegeben und 5000 Euro dafür bezahlt. Im Juni 2018 habe dieses Schriftstück schließlich vorgelegen, sagt Steffi Vetter. Das Ergebnis: Auf dem gesamten Grundstück, vor allem an der Grenze zur früheren Wäscherei „Schwanenweiߓ, wurden laut Gutachten Belastungen bereits in einer Tiefe von zwei Metern festgestellt, die grenzwertig seien. Gefunden worden sind LHKWs. Das sind leichtflüchtige halogenierte Kohlenwasserstoffe, die dem Gutachten zufolge akut toxisch und erbgutverändernd wirken. Sie sind Bestandteile vieler Handelsprodukte und chemischer Zubereitungen, zum Beispiel in Lösungsmitteln.

Weiterhin wurden laut des Gutachtens, das Familie Vetter in Auftrag gegeben hat, im Oberboden bis 35 Zentimeter auf dem Grundstücksteil zur Oststraße erhöhte Gehalte des PAK-Schadstoffparameters Benzo(a)pyren gefunden, die knapp unterhalb des Prüfwertes von einem Milligramm pro Kilogramm liegen. Über die Atemluft aufgenommen wirken diese laut Aussagen im Gutachten krebserregend. Bei Nutzung dieser Flächen in jeglicher Art müsste nach gegenwärtigem Kenntnisstand dieser anfallende Boden vollständig entsorgt werden, heißt es laut Steffi Vetter in dem Gutachten weiter. Für den derzeitigen Zustand des Grundstückes bestehe jedoch noch keine Handlungsbedarf, wird dort festgestellt.

Trotzdem hat Familie Vetter dieser Verdacht keine Ruhe gelassen: „Wir hätten gewisse Absicherungen seitens der Stadtverwaltung haben wollen“, so Steffi Vetter weiter, „falls beim Bau weitere Kontaminationen gefunden worden wären.“ Schließlich sei das Areal Eigentum der Stadt Lauta. Das ganze Gutachten habe Familie Vetter der Stadtverwaltung jedoch auch nicht zukommen lassen, sondern nur die wichtigsten Daten. Schließlich hätten sie es aus eigener Tasche bezahlt, so Steffi Vetter. Deshalb wolle sie es nicht umsonst an die Verwaltung weitergeben.

Eine Sache will Steffi Vetter jedoch auch klarstellen: „Wir wollen auf keinen Fall gegen Herrn Geyer wettern. Mein Anliegen ist nur, zu sagen, dass dies ein belastetes Grundstück ist.“ Zudem habe auch die Bank, mit der sie über die Finanzierung verhandelt haben, angesichts des Gutachtens sehr zurückhaltend reagiert. Das nicht abschätzbare Risiko sei ihr zu hoch gewesen, sagt Steffi Vetter rückblickend.

Ganz aufgeben wollten Steffi und Andreas Vetter eigentlich nicht. Sie haben überlegt, ein neues Projekt auf dem Kinderwochenheim-Gelände auf die Beine zu stellen. Doch dafür sei die Zeit einfach viel zu kurz gewesen, sagt Steffi Vetter gegenüber der RUNDSCHAU. Deshalb hatte sie einen Vorstellungstermin vor Stadträten im März nicht wahrgenommen und erst Anfang April noch einmal über den aktuellen Stand der Planungen und des Bodengutachtens berichtet. Ein neues Konzept nach den Ausschreibungsbedingungen sei das allerdings noch nicht gewesen.

Dogwerk-Inhaber Martin Geyer hatte im April im Lautaer Stadtrat gesagt, er wisse von dem Gutachten und habe darüber auch mit Familie Vetter gesprochen. Das sei soweit richtig, erklärt Steffi Vetter. Sämtliche Details habe jedoch auch Martin Geyer nicht erhalten. Trotzdem, so betonte der Dogwerk-Gründer, wolle er den Kauf weiterhin durchziehen.

Lautas Bürgermeister Frank Lehmann (parteilos) ist von Beginn an in dieses Thema eingebunden gewesen. Für ihn ist dieser jetzt mehr als ein Jahr dauernde Angebots-, Abwägungs- und Verkaufsprozess mit Familie Vetter aus Leippe korrekt über die Bühne gegangen. Bereits in die Ausschreibungen sei hineinformuliert gewesen, dass es aufgrund des Grundwasser-Abstroms nicht auszuschließen ist, dass gewisse Beeinträchtigungen auf dem Gelände des früheren Kinderwochenheims gefunden werden könnten, so Lehmann auf RUNDSCHAU-Nachfrage. Schließlich liege das Grundstück direkt an der Fläche der früheren Schwanenweiß-Wäscherei.

Dass Familie Vetter ein eigenes Gutachten in Auftrag gegeben hat, hält Lehmann für legitim. Mit der Stadtverwaltung sei dies abgestimmt gewesen. Schließlich hätten die Leippschen dafür auch eigenes Geld in die Hand genommen. „Uns liegt aus diesem Gutachten eine Seite als Kopie vor“, sagt Lehmann. Auch das sei für ihn in Ordnung.

Die Frage steht: Hätte die Stadt Lauta vorsorglich ein Gutachten für dieses Grundstück erstellen müssen, um selbst und auch für die potenziellen Käufer auf Nummer sicher zu gehen? Frank Lehmann verneint. Die Stadtverwaltung habe vor dem ersten Verkauf im Jahr 2018 mit den zuständigen Behörden im Landratsamt Bautzen gesprochen. Von dort sei die Rückmeldung gekommen: Die Stadt sei nicht verpflichtet, ein Gutachten in Auftrag zu geben.

Auch vor dem Verkauf an Dogwerk-Chef Martin Geyer habe die Stadtverwaltung noch einmal explizit beim Landkreis nachgefragt, ob ein Gutachten zu möglichen Altlasten im Boden nötig sei. Antwort laut Lehmann: nein. Das bedeutet: Wenn Geyer Grundstück und Gebäude final erwirbt, hat er eventuelle Verdachtsmomente mitgekauft.