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| 02:45 Uhr

Ein lang ersehntes Bruderduell

Martin Retzlaff (30, l.) hält zu Energie Cottbus. Sein Bruder Steffen (35) ist Fan vom FK Bohemians Prag.
Martin Retzlaff (30, l.) hält zu Energie Cottbus. Sein Bruder Steffen (35) ist Fan vom FK Bohemians Prag. FOTO: Lehmann
Finsterwalde. Die beiden Hoyerswerdaer Geschwister Martin und Steffen Retzlaff erleben bei der Begegnung zwischen Energie Cottbus und dem FK Bohemians Prag ihr ganz persönliches Spiel der Spiele. Jan Lehmann

Auf diesen Tag haben die beiden Hoyerswerdaer Brüder Martin und Steffen Retzlaff schon seit vielen Jahren gewartet. Oder viel mehr: Sie haben fast gar nicht daran geglaubt, dass sie dieses Spiel überhaupt einmal erleben werden: Das Duell zwischen dem FC Energie Cottbus und FK Bohemians Prag. Denn genau das ist die fußballerische Konstellation der beiden Brüder - der eine ist Fan von Energie, der andere von Bohemians.

Am zurückliegenden Wochenende konnte die Hoyerswerdaer, die mittlerweile in Dresden leben, in Finsterwalde endlich ihr lang ersehntes Spiel der Spiele erleben. Beim Testspiel der Lausitzer gegen den tschechischen Erstligisten standen die Retzlaffs in voller Ausrüstung am Spielfeldrand. Martin, 30 Jahre alt, im Cottbuser Rot-Weiß. Steffen, 35 Jahre, im grün-weißen Outfit der Bohemians.

"Es ist echt etwas Besonderes für uns, dass wir dieses Spiel hier gemeinsam sehen können", freut sich Martin. Dass er Energie-Fan ist, verwundert wenig. In Hoyerswerda haben die Cottbuser schließlich einen durchaus veritablen Rückhalt, auch wenn natürlich Dynamo Dresden viele Sympathien aus der Zuse-Stadt in Richtung Südwesten zieht.

Doch wie kommt Steffen Retzlaff zu den Bohemians? "Ich war zwei Semester in Prag zum Studium, da ist es passiert", beschreibt der 35-Jährige den Moment der Erweckung. Die Bohemians sind seitdem sein Herzensverein. Dabei ist die Auswahl in der tschechischen Hauptstadt ziemlich groß. Sparta ist der große Prager Club, Slavia der Verein der Arbeiter. Obwohl das mit dem Arbeiterverein nicht mehr ganz so stimmt. Schließlich baut Slavia aktuell dank eines chinesischen Investors einen ziemlich namhaften und teuren Kader für die bevorstehende Champions-League-Saison auf.

Und die Bohemians? Steffen Retzlaff sagt: "Das ist der coolste Club von Prag. Die sind ein bisschen so wie der FC St. Pauli in Deutschland." Passt ja irgendwie, schließlich bezeichnet der Begriff Boheme eine intellektuell-künstlerische Subkultur. Alle zwei Monate fährt der Hoyerswerdaer die 150 Kilometer aus Dresden nach Prag, um ein Spiel im Stadion Dolicek zu erleben. Sein Bruder Martin fährt manchmal mit - auch dann, wenn die Bohemians beispielsweise ein Auswärtsspiel im grenznahen Liberec haben.

So nah wie im beschaulichen Stadion des Friedens in Finsterwalde kommt Steffen Retzlaff aber selten an seine Helden heran. Er kennt sie alle, schaut interessiert auf die kommende Saison. "Diesen Kabaev, den haben sie als großen Torjäger verpflichtet", berichtet er in der Halbzeitpause des Testspiels und mosert: "Bisher sieht das ja noch nicht so dolle aus."

Das soll sich nach dem Seitenwechsel allerdings ändern. Kabaev gelingt in der Schlussphase in allerbester Torjägermanier der etwas schmeichelhafte Ausgleich für Prag. Das Spiel endet schiedlich, friedlich, brüderlich mit 2:2. Kein Ergebnis hätte wohl besser gepasst.

Brüderliches Remis in Finsterwalde: Energie Cottbus und der tschechische Erstligist Bohemians Prag agierten beim 2:2 auf Augenhöhe.
Brüderliches Remis in Finsterwalde: Energie Cottbus und der tschechische Erstligist Bohemians Prag agierten beim 2:2 auf Augenhöhe. FOTO: Mirko Sattler/sam1