Von Rita Seyfert

Wenn es um Kultur in Hoyerswerda geht, steht Künstlerin Kersten Flohe (63) an vorderster Front. Als das Projekt „Boulevard Kirchstraße“ im Frühjahr 2018 vorgestellt wurde, saß sie lauschend zwischen Straßenmusikanten, aber auch zahlreichen Vereinen und Gewerbetreibenden. Große Töne wurden angestimmt: „Eine Prachtmeile wie in Paris, das Flair soll zum Flanieren und Plaudern einladen“, so das erklärte Ziel.

Die Künstlerin biss an. „Ich wollte als Straßenkünstlerin mitmachen“, erzählt sie. Den schattigen Platz unter der Kastanie neben der Johanneskirche hatte sie sich dafür ausgesucht. Einen Tisch baute ihr der Hausmeister vom Nachbarstand des Lautech aus gestapelten Paletten.

Schon am nächsten Tag packte Kersten Flohe Wolle, Filz und Ton aus, malte mit den Kindern oder formte Plastiken mit den Älteren. „Manche Leute kamen auch nur auf einen Schwatz vorbei“, erzählt sie.

Dem Altstadtmanagement gefiel ihre Aktion jedenfalls. „Ja, das kann jeder machen, den Freiraum nutzen und was vorstellen“, hieß es. Das gab man ihr sogar schriftlich.

Kersten Flohe ist eine von denjenigen, die mit ihrem Vertrag wesentlich zur Co-Finanzierung des Projekts beitrugen. Ihre vereinbarte Arbeitsleistung: 20 Tage à sieben Stunden für acht Euro brutto. Bei insgesamt 140 Arbeitsstunden ergibt das eine Summe von 1120 Euro. Das Geld hat Kersten Flohe gewissermaßen gespendet.

Für Altstadtmanagerin Dorit Baumeister, die das Mammut-Projekt mit einer Halbtagsstelle wuppt, war das eine noble Geste. „Sie hat uns sehr geholfen“, sagt sie. Damit die Fördermittel von 30 000 Euro fließen, muss die Stadt 50 Prozent aus Eigenmitteln finanzieren. Neben Geldern von Sponsoren dürfen dafür auch ehrenamtliche Stunden wie die von Unterstützerin Kersten Flohe angerechnet werden.

Was im vergangenen Jahr mit dem „Boulevard Kirchstraße“ vier Wochen lang erfolgreich getestet wurde, schreit nun nach einer Wiederholung, und diesmal im großen Stil. Ganze drei Monate lang (3. Juni bis 25. August) sollen die Bürgersteige von Hoyerswerdas Altstadt heruntergeklappt bleiben. In knapp vier Wochen ist es soweit. Eins ist sicher, der Umfang ist gigantisch.

Beim jüngsten Stadtrat hat Altstadtmanagerin Dorit Baumeister das Projekt vorgestellt. Ein einfaches Faltblatt reiche inzwischen nicht mehr aus, sagte sie. Die dicke Programmbroschüre ging am Freitag in den Druck. In einer Auflage von 10 000 Exemplaren soll das Mini-Büchlein die Besucher von Bautzen über Kamenz bis Senftenberg drei Monate lang mit allen Terminen und Informationen begleiten.

Nicht nur zeitlich, auch räumlich sprengt das Projekt Grenzen. Über die verkehrsberuhigte Kirchstraße hinaus erstreckt sich der Boulevard Altstadt dieses Jahr vom Markt bis zum unteren Schlossplatz und dem Jürgen-von-Woyski-Park. Ein Verkehrskonzept musste her. Beispielsweise in der Friedrichsstraße sollen die Stellplätze reduziert werden. Lösungen werden mit den Händlern abgestimmt, hieß es.

Neu sein wird auch die „Blaue Terrasse“: Alte, in königsblau angepinselte Holzmöbel, aufgestellt auf einem Podest auf dem Markt, sollen der Freiluftgastronomie eine Plattform geben, und zwar unabhängig vom Restaurant. Das Kellnern übernehmen die Elftklässler vom Lessing-Gymnasium. Schüler derselben Schule gestalten derzeit Fahnen mit Bauhaus-Motiven als Einladung der Altstadt an die Neustadt. Sie sollen dieses Jahr über Kirch- und Friedrichstraße hängen und die bunten, teuren Deko-Schirme (Stückpreis vier Euro) vom vergangenen Jahr ersetzen.

Die roten Pflanz-Kübel mit den Sprüchen werden auf 35 aufgestockt; und ihre Gestaltung dem Stadtmarketing-Konzept angepasst. Eine Strandbar soll es wieder geben, nur besser. Und auch zum Thema „Stadtmöbel“ machten sich die Macher Gedanken und sammelten Spenden ein. Immerhin, ein stattliches Sümmchen von 11 000 Euro kam binnen sechs Wochen zusammen und wurde in 150 Einzelmodule investiert, aus denen unterschiedliche Sitz- und Liegeflächen kreiert werden können.

So viel ist gewiss, auch dieses Jahr fließen wieder jede Menge Schweiß, Hirnschmalz und unbezahlte Überstunden in das Projekt. Ohne den Grips von Altstadtmanagerin Dorit Baumeister oder all die stillen Helfer, wie die Lessing-Gymnasiasten oder Künstlerin Kersten Flohe, könnte der Boulevard Altstadt nicht zum zweiten Mal stattfinden.

Bleibt zu hoffen, dass die Rechnung am Ende für alle aufgeht und der „feuchte Händedruck“ als Dankeschön ausreicht. Künstlerin Kersten Flohe ist dieses Jahr jedenfalls nicht mehr mit dabei. „Kultur macht viel Arbeit, die Materialien sind teuer, und am Ende fehlt die Anerkennung“, sagt sie. Ist das Kunst oder kann das weg, so funktioniert das eben nicht.