Wenn Agnes Rölke auf die Spintehochzeit zu sprechen kommt, beginnen ihre Augen zu leuchten. "Meine Oma hat diesen Brauch noch voll miterlebt", erzählt die heute 80-jährige Dörgenhausenerin. Also, wenn gegen Ende des winterlichen Federnschleißens in den Dörfern um Hoyerswerda und Wittichenau von den Burschen zunächst Schabernack ausgeheckt und anschließend die "Spaßhochzeit" vorbereitet wurde. "Die Mädels haben damals ihre Schuhe in einen großen Sack geworfen", berichtet die langjährige Lehrerin. "Als es dunkel wurde, griffen die jungen Burschen dort hinein. Mit demjenigen Mädchen, dessen Schuh sie erwischten, stand dann die Spintehochzeit auf dem Programm."

Das Ganze habe bis in die 1950er-Jahre als Spaß und Zeitvertreib in der festarmen Winterszeit gedient. Um das Jahr 1956 sei wohl in Sollschwitz das letzte Mal dieser Brauch gefeiert worden. Eine Revitalisierung scheiterte acht Jahre später mangels interessierter Jugendlicher.

Genau 60 Jahre nach dem letzten "Original" hat das Sorbische Nationalensemble (SNE) dieses Thema aufgegriffen. Und daraus das Programm für die diesjährige "Vogelhochzeit" gestrickt. "Ich hatte in der sorbischen Zeitschrift Nowa Doba einen entsprechenden Artikel gefunden", sagt SNE-Dramaturgin Jewa-Marja Cornakec. Ein Mädchen beschreibt darin die letzte Spintehochzeit in Sollschwitz, heute ein Stadtteil von Wittichenau. "Das hat mich so fasziniert, sodass daraus das jetzige Stück entstanden ist", erklärt die renommierte Künstlerin. Der Brauch sei wahrscheinlich nur in der Hoyerswerdaer Gegend verbreitet gewesen. Möglicherweise, weil dort ein engerer Bezug zur Spinte an sich, die übrigens auch in der Niederlausitz bis heute gepflegt wird, vorhanden war. Selbst die evangelischen Sorben, unter anderem in Schwarzkollm, hätten Jahr für Jahr ihre "Brautleute" gekürt. Ob sich daraus später mal echte Lebenspartnerschaften entwickelten, können heute weder Agnes Rölke noch Jewa-Marja Cornakec sagen.

Der Aufwand für die vom SNE daraus entwickelte "witzige Vogelhochzeit" sei indes enorm. Ensemble-Sprecher Stefan Zuschke zufolge rollten zwei bis unters Dach vollgepackte Lkw von Bautzen nach Wittichenau, um die gesamte Technik, die sorbischen Trachten, die entsprechenden Requisiten und weitere benötigte Dinge zu transportieren. Die insgesamt 60 mitwirkenden Künstler reisten mit zwei Bussen an. Allerdings habe das Ensemble damit bereits eine gewisse Routine. Schließlich tourt das Programm schon seit Mitte Januar durch Nieder- und Oberlausitz. Das bisherige Publikumsinteresse sei überraschend hoch gewesen, resümiert Cornakec. So hätten beispielsweise 350 Menschen die beiden Vorstellungen in Crostwitz besucht.

In Wittichenau kamen knapp 100 Besucher. Und das bei genau 104 zur Verfügung stehenden Sitzplätzen. Ausgerechnet in der Sporthalle! Die sich noch dazu karnevalistisch vom feinsten ausdekoriert präsentierte. Oder anders gesagt: Vogelhochzeit zwischen Narrenkappen und Sprossenwand. Auch wenn eine Sporthalle für das SNE-Programm wahrscheinlich doch nicht ganz der optimale Ort sei, wie es die Künstler anklingen ließen: Dem Publikum gefiel's dennoch. Denn wie sonst erklärte sich der teilweise minutenlang anhaltende Applaus?

Wer die Vorstellung in Wittichenau verpasst hat, kann sich die Vogelhochzeit noch in Bautzen (5. und 7. Februar) sowie in Radibor (6. Februar) anschauen.

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