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| 11:15 Uhr

Lausitzer Identität
Herr der Kreuze sucht Nachfolger

 Nikolaus Dürlich (r.) verfügt über eine größere Sammlung von hölzernen Figuren und weiteren Schätzen in seiner kleinen Werkstatt in Neudörfel bei Crostwitz. Er kann sich nichts Schöneres als die Arbeit mit dem Holz vorstellen.
Nikolaus Dürlich (r.) verfügt über eine größere Sammlung von hölzernen Figuren und weiteren Schätzen in seiner kleinen Werkstatt in Neudörfel bei Crostwitz. Er kann sich nichts Schöneres als die Arbeit mit dem Holz vorstellen. FOTO: Torsten Richter-Zippack
Neudörfel. Holzbildhauer Nikolaus Dürlich aus Neudörfel könnte in Rente gehen. Doch das funktioniert noch nicht. Von Torsten Richter-Zippack

Seine staatliche Rente hat Nikolaus Dürlich schon mal ausgerechnet. „Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig“, kommentiert der 65-jährige Holzbildhauer aus dem 175-Einwohner-Ort Neudörfel bei Crostwitz in der katholischen sorbischen Oberlausitz. „Da muss ich wohl noch ein bisschen weiterarbeiten“, zieht der bekennende Sorbe seine Schlussfolgerung.

Nun ist Nikolaus Dürlich nicht irgendein Holzbildhauer. Sondern der Neudörfeler gilt als der Holzbildhauer im katholischen Sorbenland. Die weit über die Grenzen der Lausitz hinaus bekannten weißen, einheitlich gestalteten Holzkreuze auf dem Ralbitzer Friedhof sind ebenso sein Werk wie zahlreiche hölzerne Jesusfiguren an Grabkreuzen oder Kruzifixen.

Obwohl der Künstler mit seinem Leben zufrieden ist, hat er ein Problem. „Bislang gibt es keinen Nachfolger“, bekennt der Mittsechsziger. „Denn die Arbeit ist durchaus anstrengend und mühsam“, berichtet Dürlich aus seinem beruflichen Alltag. Pro Jesusfigur, geschnitzt aus dem Holz der Linde, dem sorbischen Nationalbaum, kommen bis zu 100 Stunden Arbeit zusammen. Oder anders ausgedrückt: pro Zentimeter Figur rund 60 Minuten.

 Holzbildhauer Nikolaus Dürlich in seiner Werkstatt bei der Arbeit an einer Jesusfigur aus Lindenholz.
Holzbildhauer Nikolaus Dürlich in seiner Werkstatt bei der Arbeit an einer Jesusfigur aus Lindenholz. FOTO: Torsten Richter-Zippack

Dann die extrem arbeitsreiche Zeit alljährlich vor Ostern: „Im zeitigen Frühjahr stelle ich die Holzkreuze der im vorangegangenen Jahr Verstorbenen auf dem Ralbitzer Friedhof auf“, begründet Nikolaus Dürlich. Da kommen pro Jahr in der Regel um die 20 Kreuze zusammen. Insgesamt zieren die Begräbnisstätte rund 300 schneeweiße Holzkreuze.

Nikolaus Dürlich vertritt in seinen kleinen Betrieb bereits die dritte Generation. Sein Großvater hatte das Unternehmen im Jahr 1886 begründet. Dürlich hat zwar zwei Söhne. „Aber die beiden üben andere Berufe aus“, erklärt der Holzbildhauer. Der eine sei als Polizist tätig, der andere als Lehrer. Doch der Künstler hat die Hoffnung auf Nachfolge keinesfalls aufgegeben. „Ich selbst bin auch erst relativ spät in diese Arbeit hineingerutscht.“

Zwar wollte der Neudörfeler von klein auf in die Fußstapfen seines Vaters treten, doch wurde er zunächst in der Metallbranche tätig. Später erlernte der Oberlausitzer das Drechseln. Im Jahr 1983 machte er sich in der DDR selbstständig. Insbesondere der stete Materialmangel machte ihm zu schaffen. Seitdem ist Nikolaus Dürlich der Experte, der gerufen wird, wenn im „Land der tausend Kreuze“, wie der Künstler das katholische Sorbenland bezeichnet, Hilfe vonnöten ist. Schließlich hat solch ein Holzkreuz samt Figur auch nur eine begrenzte Lebensdauer. Wind und Wetter sorgen dafür, dass die Arbeit nie ausgeht.

FOTO: Torsten Richter-Zippack

„Dieses Handwerk darf nie aussterben“, mahnt Dürlich. „Denn es hat ganz viel mit der Identifikation der Menschen in der Oberlausitz zu tun“, lautet seine Begründung. Tatsächlich wurden die hölzernen Grabkreuze einst aus der Not heraus geboren. Der arme Boden in und um Ralbitz ermöglichte nur geringe Erträge. So konnte sich die Landbevölkerung keine Grabsteine leisten und musste auf die schlichten Holzkreuze zurückgreifen. Auf dem Ralbitzer Friedhof ist dieses Prinzip besonders eindrucksvoll dokumentiert. Manch andere Begräbnisstätten der Region, beispielsweise Crostwitz, weisen zumindest partiell dieses einheitliche Bild auf.

„Ich wünsche mir sehr, dass diese Tradition auch nach meinem Ausscheiden aus dem Berufsleben weiter gepflegt wird“, sagt Nikolaus Dürlich. Falls seine beiden Söhne den Betrieb nicht übernehmen wollen, stehen immerhin vier Enkelkinder parat. „Ich lasse sie schon mal in meine Werkstatt hinein schnuppern“, bekennt der Künstler.

 Nikolaus Dürlich (r.) verfügt über eine größere Sammlung von hölzernen Figuren und weiteren Schätzen in seiner kleinen Werkstatt in Neudörfel bei Crostwitz. Er kann sich nichts Schöneres als die Arbeit mit dem Holz vorstellen.
Nikolaus Dürlich (r.) verfügt über eine größere Sammlung von hölzernen Figuren und weiteren Schätzen in seiner kleinen Werkstatt in Neudörfel bei Crostwitz. Er kann sich nichts Schöneres als die Arbeit mit dem Holz vorstellen. FOTO: Torsten Richter-Zippack