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Sind Sie eine Petze, Herr Kiefel?

Klischee: Vollzugsbedienstete stellen Strafzettel aus. Das ist aber nicht das Einzige, was sie zu tun haben.
Klischee: Vollzugsbedienstete stellen Strafzettel aus. Das ist aber nicht das Einzige, was sie zu tun haben. FOTO: Fotolia
Hoyerswerda. Ralf Kiefel (54) ist Vollzugsbediensteter in Hoyerswerda. Im RUNDSCHAU-Interview erklärt er, warum das Wort "Politesse" eine Beleidigung darstellt und wie er mit seinem Beruf auch das Stadtbild mitgestalten kann.

Seit 2009 ist Ralf Kiefel (54) gemeindlicher Vollzugsbediensteter in Hoyerswerda - und macht weit mehr als nur Knöllchen zu verteilen. Die RUNDSCHAU hat sich mit ihm an einen Tisch gesetzt. Herausgekommen ist ein launiges Gespräch über Pingeligkeit, Fingerspitzengefühl und Harakiri.

Herr Kiefel, wie nennt man eigentlich eine männliche Politesse?
Kiefel Politeur. Aber diese bloße Tätigkeit gibt es in Hoyerswerda nicht, die Bezeichnung kommt einer Beleidigung gleich. Wir sind gemeindliche Vollzugsbedienstete und erfüllen polizeiliche Aufgaben der Verwaltung. In unseren Gesamtaufgaben macht der ruhende Verkehr nur 20 Prozent aus. Wir haben eigentlich dieselben Befugnisse wie der Polizeivollzugsdienst.

Dann sind Sie ein halber Polizist?
Kiefel Ich bin sogar ein vollständiger Polizist, wir sind Bestandteil der Ortspolizeibehörde. Wir tragen zwar nur ein Hemd mit der Aufschrift "Bürgeramt". Doch es steckt mehr drin als draufsteht.

Wie wird man denn Vollzugsbediensteter?
Kiefel Es gibt keine Ausbildung für diese Tätigkeit. Deshalb genügt eine Berufsausbildung als Verwaltungsfachangestellter. Mit einer Bäckerausbildung könnte ich hier natürlich nicht anfangen.

Muss man in Ihrem Beruf nicht wahnsinnig pingelig sein?
Kiefel Man sollte ein sehr gutes Rechtsverständnis haben und in der Lage sein, sich mit der Rechtsprechung auseinandersetzen zu können. In Bezug auf die Pingeligkeit könnte die Frage auch lauten: Wie gut oder schlecht macht man seinen Job? Unser Grundsatz ist doch, Recht umzusetzen.

Sind Sie eine Petze? Oder anders: Was würden Sie jemandem antworten, der Sie als Petze bezeichnet?
Kiefel Den Fehler haben Sie doch gemacht. Ich mache Sie nur darauf aufmerksam. Außerdem renne ich in der Regel nicht herum und suche nach Verstößen, oft gibt es Beschwerden, denen wir nachgehen.

Gibt es in Ihrem Job so etwas wie Fingerspitzengefühl? Machen Sie an einem schönen Tag mal eine Ausnahme, wenn jemand nur einen halben Meter im Parkverbot steht?
Kiefel Wir handeln nicht nach guter und schlechter Laune. (lacht) Es geht um Gleichbehandlung. Wir haben aber insofern Spielraum, dass wir uns die Situation angucken und schauen, welches Maß angemessen und zeitgemäß ist. Wenn mal eine Geschwindigkeitsbegrenzung vor einer Kita eingeführt wurde, es die Kita aber nicht mehr gibt, könnte die Begrenzung aufgehoben werden. Das teilen wir der Behörde mit und die entscheidet, ob die Regelung geändert wird oder nicht. Gibt es Brennpunkte, wo ständig kreuz und quer geparkt wird?
Kiefel Im Altstadtkern ist das Potenzial für Falschparker schon groß. Auch vor dem Lausitz-Center. Da stellen wir vermehrt fest, dass viele die Bedeutung der Schilder gar nicht ausreichend kennen.

Echt?
Kiefel Ja. Oder können Sie mir sagen, was alles in einer verkehrsberuhigten Zone, auch Spielstraße genannt, zu beachten ist?

Nun, ich meine, dass man dort nur Schrittgeschwindigkeit fahren darf.
Kiefel Richtig. Es gibt aber auch ein generelles Parkverbot, es darf nur geparkt werden, wo es auch ausgewiesen ist. In diesem Verkehrszeichen stecken fünf Ge- und Verbote.

Ich habe mal einen Autofahrer erlebt, der seinen Wagen an einer Tanksäule abgestellt hat und in der Tankstelle erstmal gemütlich einen Kaffee geschlürft hat. Was war die verrückteste Ordnungswidrigkeit, die Ihnen bisher untergekommen ist?
Kiefel Ich habe mal einen Smart erwischt, der quer in der Parklücke stand. Ich konnte den Fahrer aber dazu bewegen, sein Auto so zu parken, dass es mit der Straßenverkehrsordnung in Einklang ist.

Können Sie sich immer mit Ihrem Job identifizieren? Bei einem Fußballspiel oder Konzert zum Beispiel, wo mehr Menschen hinströmen, als es Parkplätze gibt, muss ja irgendjemand falsch parken, oder?
Kiefel Bei Großereignissen anders zu handeln, würde wieder gegen die Gleichbehandlung sprechen. Verbote sind nicht da, um den Fahrer zu ärgern, sondern weil sie notwendig sind und was regeln sollen. Und in Wirklichkeit ist es doch so: Der liebe Deutsche kommt fünf Minuten vor der Angst und will trotzdem vorm Eingang stehen. Die Bequemlichkeit ist skrupellos. Nur deswegen stellen sie sich auf den Gehweg oder gar einen Behindertenparkplatz. Ich sage dann immer zu den Fußgängern: Stellt euch doch auch mal zum Quatschen mitten auf die Straße! Das ist das Gleiche in Grün.

Also geht es nicht darum, nur Kasse zu machen?
Kiefel Es geht um die Umsetzung der Ordnung und Sicherheit. Wenn Verwarngelder gezahlt werden, ohne über das Warum nachzudenken, dann sollte man sich die Frage stellen, ab welcher Höhe wird das Ziel erreicht. Die Strafe soll doch erzieherisch wirken. Ich rede eh lieber mit den Leuten, als ihnen nur Rechnungen mitzugeben.

Nicht jeder lässt aber mit sich reden. Müssen Sie sich auch mal Beleidigungen anhören?
Kiefel Das gehört zum Alltag. Aggressivität und Uneinsichtigkeit nehmen zu. Aber Beschimpfungen gehen links rein und rechts raus.

Sind Sie auch schon tätlich angegriffen worden?
Kiefel Ja, derjenige hat einen Strafbefehl von der Staatsanwaltschaft erhalten. Der Einsatz mit Pfefferspray hat auch zugenommen. Solche Meldungen in den Nachrichten gehen nicht spurlos an uns vorbei.

Haben Sie nach dem Feierabend mal genug von der ganzen Akkuratesse und Disziplin, stellen Ihren Wagen provokant vor die Ausfahrt Ihres Nachbarn, lassen die Gassirunden-Überreste Ihres Hundes auf dem Bürgersteig liegen und beschmieren das Rathaus mit Graffiti?
Kiefel (lacht) Herr Wiesner, ich habe direkt vor der Haustür eine Parkverbotsfläche. Ich werde einen Teufel tun und mir die Blöße geben, mich dahin zu stellen. Sie werden mich also nicht dabei erleben, Harakiri zu machen und bis Mitternacht Ruhestörung zu betreiben. Aber: Auch ich bin nur ein Mensch, dem Fehler unterlaufen.

Mit Ralf Kiefel sprach

Steven Wiesner

Zum Thema:
In Hoyerswerda gibt es fünf Vollzugsbedienstete, die für das Bürgeramt tätig sind. In diesen Tätigkeitsbereich fallen neben der Kontrolle des ruhenden Verkehrs diverse andere Aufgaben wie die Aufsicht des Gewerberechts, des Straßengesetzes, worunter die Kontrolle des Baumschnitts fallen kann. Sie haben ein Auge auf Fragen des Verbraucherschutzes oder der allgemeinen Verkehrssicherheit, kontrollieren Anliegerpflichten und sind auch für Geschwindigkeitskontrollen im fließenden Verkehr zuständig.