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Sicher umschlossen und zum Himmel offen

Sommerurlaub. Wir laufen durch München, unser Ziel ist die neue Synagoge.

Tief beeindruckt stehe ich vor dem Haus des Gebetes in der Altstadt. Über dem Sockel aus unbehauenem Naturstein thronen in einem quaderförmigen Oberlicht ineinander verschachtelte Davidsterne aus Stahl. Sie sind verglast und mit einem bronzefarbenen Metallnetz verhängt. Später erfahre ich, welches Konzept das Bauwerk bestimmt. Die sieben wuchtigen Steinschichten der vier Außenwände erinnern an die Klagemauer in Jerusalem und stehen gleichzeitig für den im Jahr 70 zerstörten Tempel. Der Glasaufbau deutet ein Zelt an, das die 40-jährige Wanderung der Juden durch die Wüste Sinai symbolisiert.

Ich sehe in der Synagoge eine weitere Metapher. Der massive Sockel umgibt die Gemeinde und verkörpert Sicherheit. Wer hinter solchen Mauern ist, darf sich geborgen fühlen. Nur das sechs Meter hohe Portal öffnet die Mauern. Auf die beiden Türflügel sind die ersten zehn Buchstaben des hebräischen Alphabets gesetzt und verweisen auf die Zehn Gebote der jüdischen Bibel. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Jüdin, in dem sie die Regeln ihrer Religion mit einem Navigationssystem verglichen hat: "Es gibt dir eine Richtung." Wer weiß, wie er zu entscheiden hat und welche Rolle im Leben auszufüllen ist, gewinnt Sicherheit.

Zur Münchner Synagoge gehört das mehr als zehn Meter hohe Oberlicht, das den Blick in der Senkrechten freigibt. Ich sehe darin ein Gleichnis: Nichts trennt die Betenden vom Himmel, dem Gespräch mit Gott steht nichts im Weg.

Im christlichen Kirchenjahr ist der morgige Sonntag dem Volk Israel gewidmet. Wie viel Christen und Juden miteinander teilen, hat mir auch die Münchner Synagoge vor Augen geführt. Christen bekennen sich zu denselben Zehn Geboten wie Juden. Christen beten zum selben Gott wie das Volk Israel und benutzen dabei sogar die gleichen Psalmen.