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| 15:21 Uhr

Interview
Selbst einen Alligator hat er schon behandelt

Tierarzt Holger Metting.
Tierarzt Holger Metting. FOTO: Rainer Könen
Hoyerswerda. An Wochenend-Notdiensten erlebt der Hoyerswerdaer Tierarzt Holger Metting manch nicht Alltägliches.

Gibt es Zeiten, wo besonders viel los ist?

Holger Metting:  Notfälle häufen sich zwischen Weihnachten und Neujahr. Auch im Frühjahr ist viel los. Da prügeln Kater sich für ihre Auserwählte, überfressen sich Kaninchen an frischem Grün.

Was erleben Sie bei Wochenend-Notdiensten?

Metting: Eine Menge. Da hüpfen Stubentiger aus dem Fenster, um einen vorbei fliegenden Vogel zu fangen und vergessen, dass ihr Besitzer in der 6. Etage wohnt. Ostern spüren Hunde die versteckten Geschenke bei Nachbars auf und verspeisen sie, samt Verpackung. Mit hungrigen Labradorwelpen, die Kindersocken und Überraschungseier verschlucken, ist auch immer zu rechnen.

Wie erleben Sie Tierhalter in Notsituationen?

Metting: Ich werde bei Notfällen mit der ganzen Bandbreite menschlichen Verhaltens konfrontiert. Das geht von völlig aufgelösten Tierbesitzern, die keinen klaren Gedanken mehr fassen können, über den gefassten Besitzer bis hin zum Choleriker. Die Erwartungshaltung ist hoch, niemand will sein Tier verlieren.

Mussten Sie schon mal ein seltenes Tier behandeln?

Metting:  Ja, beispielsweise einen Alligator. Und seltene Chamäleon-Arten und kleine Krallenaffen.

Kommt es beim Wochenend-Notdienst auch zu prekären Situationen?

Metting:  Jeder Patient ist speziell. Ein Tierarzt sollte auf alles  gefasst sein, auf Fluchtversuche oder Angriffe des verletzten Tieres. Auf Tiere, die ihre Aggressionen zeigen, kann ich mich einstellen. Wenn es nicht anders geht, muss ich sie ruhigstellen. Die meiste Gefahr geht von wehrhaften Katzen aus. Ebenso gefährlich kann der Hund beim Hausbesuch werden, wenn er sein Territorium gegen den Eindringling „Tierarzt“ verteidigt.

Ist das Anspruchsdenken der Tierhalter bezüglich des Tiermediziners gewachsen?

 Metting: Ich habe festgestellt, dass sich das Verhältnis der Tierbesitzer zu ihren Haustieren verändert hat. Die Bindung zu den Haustieren wird immer enger – nicht nur zu Hund und Katze, auch zu Heimtieren wie Meerschweinchen und Kaninchen. Tierbesitzer sind durch die Medien informierter als früher, mitunter aber fehlinformiert. Die Erwartungshaltung an einen Tierarzt, hinsichtlich fachlicher Qualifikation technischer und personeller Ausstattung, ist auch gestiegen.

Ist das Bild vom fürsorglichen Tierhalter Klischee oder Realität?

Metting:  Die meisten Tierhalter gehen umsichtig und pfleglich mit ihrem Tier um. Wir Tierärzte müssen uns zumeist mit Wohlstandsproblemen in der Tierhaltung auseinandersetzen; also mit  übergewichtigen Hunden oder Katzen mit Arthrose oder Diabetes.  Mitunter ist auch der Pflegezustand miserabel. Vielen Besitzern ist auch nicht bewusst, dass ihr geliebter Hausgenosse unter erheblichen Zahnschmerzen leiden kann.

Kommen an Wochenenden die Tierhalter mit ihren kranken Tieren in Ihre Praxis oder müssen Sie auch mal zu den tierischen Patienten fahren?

Metting:  Notfälle behandle ich grundsätzlich in der Praxis. Aufgrund der ungewohnten Umgebung verhalten sich die meisten Tiere friedfertiger als zu Hause. Diagnose und Behandlung können wesentlich qualifizierter erfolgen als beim Hausbesuch. Bei Tierärzten, die in der Nutztierpraxis mit Rind und Schwein arbeiten, sieht das natürlich anders aus. Die Kollegen führen ihr medizinisches Equipment im Fahrzeug mit sich.

Warum sind Sie Tierarzt geworden?

Metting: Mein Hauptgrund, als praktischer Tierarzt zu arbeiten, ist die Liebe zum Tier. Mir war bewusst, dass ich einen anspruchsvollen und abwechslungsreichen Beruf wähle, der viel Engagement, Belastbarkeit und dauerhafte Lernbereitschaft erfordert. Ich habe nach wie vor das Gefühl, die richtige Berufswahl getroffen zu haben.

Mit Holger Metting sprach
Rainer Könen.

(rkx)