| 02:39 Uhr

Schüler forschen über "Spitzel hinter Gittern"

Im Johanneum lauschten Schüler der 10b und 10c der Erzählung von Michael Schlosser. Sie bekamen sogar eine Kopie seiner Stasi-Akte zur Ansicht.
Im Johanneum lauschten Schüler der 10b und 10c der Erzählung von Michael Schlosser. Sie bekamen sogar eine Kopie seiner Stasi-Akte zur Ansicht. FOTO: cw
Hoyerswerda. "Zur Zukunft gehört die Erinnerung" – Im Rahmen des Geschichtsprojektes zum DDR-Unrecht besuchen Gymnasiasten die Gedenkstätte Bautzen. Catrin Würz

Wie gebannt kleben die Zehntklässler an den Lippen von Michael Schlosser. Ungeschönt und mit einfachen klaren Worten erzählt der 73-Jährige den Schülern aus der 10b und 10c des Christlichen Gymnasiums Johanneum seine unglaubliche Lebensgeschichte. Die hört sich für die 16-Jährigen wohl wie ein Leben aus einer anderen Welt an. Und das war es ja auch: ein Leben in der DDR - ein Leben, das von Überwachung, Verrat und staatlicher Willkür erzählt. Als Michael Schlosser 1983 mit einem selbstgebauten Ultraleicht-Flugzeug aus der DDR über die Grenze in die BRD fliehen will, verraten zwei Spitzel der Staatssicherheit sein Vorhaben. Dafür musste der damals 39-Jährige in das Gefängnis Bautzen I - auch "Gelbes Elend" genannt - einrücken. "Was ich dort erlebte, werde ich nie vergessen", erzählt er. Denn selbst im Knast wurde er von Mithäftlingen bespitzelt - was er später in seiner 5300 Seiten umfassenden Stasi-Akte nachlesen kann.

Michael Schlosser war gestern einer von insgesamt vier Zeitzeugen, die das Projekt "Zur Zukunft gehört die Erinnerung" nach Hoyerswerda eingeladen hatte. Seit dem Jahr 2002 gibt es dieses Projekt in der Zuse-Stadt, das alljährlich die Zehntklässler der drei Hoyerswerdaer Gymnasien zur Beschäftigung mit dem dunklen Kapitel der DDR-Geschichte anregt. Ins Leben gerufen wurde es vor 15 Jahren vom Bildungswerk für Kommunalpolitik Sachsen (BKS), von der RAA Hoyerswerda und vom damaligen Bundestags-Mitglied Klaus Haupt. Haupt ist auch heute noch der Schirmherr und erinnert sich an den Auslöser. "Zehn Jahre nach der politischen Wende war zu spüren, wie sich in manchen Kreisen ein Verdrängen, ein Beschönigen über die Auswüchse des SED-Unrechtes breit machte. Gegen diese Tendenzen der Geschichtsfälschung wollten wir angehen - und Jugendliche, die das nicht mehr selbst erlebt haben, zur Beschäftigung mit diesem Kapitel anregen". Auch Kultur-Bürgermeister Thomas Delling findet es wichtig, dass junge Menschen die Anzeichen und Erscheinungen von Diktaturen kennenlernen und durchschauen, um die demokratischen Prinzipien schätzen zu lernen. Und zu lernen, wie wichtig es ist, sich selbstbewusst und verantwortungsvoll in eine demokratische Gesellschaft einzubringen.

"Spitzel hinter Gittern" war in diesem Jahr das Thema des Erinnerungs-Projektes. Für ihre Nachforschungen reisten die Zehntklässler aus dem Foucault-Gymnasium, dem Lessing-Gymnasium und dem Johanneum in die Gedenkstätte Bautzen, die von 1956 bis 1989 eine Sonderhaftanstalt der DDR-Staatssicherheit war. Die beiden Schülerinnen Lisa-Marie König und Marija Skoznikova bringen es am Ende auf den Punkt, wie es ihnen damit geht: "Es ist notwendig, dass es solche Erinnerungsstätten heute gibt. Hier konnten wir sehen, wie im Stasi-Knast die Menschenrechte mit Füßen getreten wurden. Nur dadurch, dass uns dies heute bekannt ist, können wir auch zukünftiges Unrecht verhindern helfen."

Wie und warum das Spitzel-System auch im Gefängnis installiert wurde, um psychischen Druck auszuüben und die absolute Kontrolle über die Menschen zu haben, das erforschten die Schüler beim Gedenkstättenbesuch in Bautzen. Schüler des Johanneum versuchten sich zudem vorzustellen, wie die Begegnung eines Opfers mit seinem Spitzel nach Jahren aussehen könnte - und zeigten das in einem Rollenspiel. "Du hast mein Leben kaputt gemacht", lassen sie das Opfer sagen.

Zum Thema:
Ursula Waage: 1928 in Breslau geboren, erfuhr sie die ganze Tragweite von Krieg, Flucht und Vertreibung und schrieb das in ihren Büchern aufRoland Brauckmann: war Mitarbeiter der evangelischen Kirche Hoyerswerda-Neustadt und setzte sich für einen Sozialen Friedensdienst (Wehrersatzdienst) ein. Dafür wurde er inhaftiert.Dr. Edmund Käbisch: Als Pfarrer kümmerte er sich um "Problembürger" des SED-Staates, z.B. aus Friedensgruppen