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Schreiben, Schreiben, Schreiben und dann Reisen

Kira Potowski an chinesischem Tempel in Ho Chi Minh Stadt.
Kira Potowski an chinesischem Tempel in Ho Chi Minh Stadt. FOTO: kpi1
Die Hoyerswerdaerin Kira Potowski ist Studentin in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Schon mehrfach berichtete sie für die Leser der LAUSITZER RUNDSCHAU von ihren Erfahrungen in Südamerika und in Asien. Nach ihrem Forschungssemester an der südkoreanischen Kyung Hee University von August bis Dezember 2013, in welchem sie ihre Masterarbeit verfasst und inzwischen auch schon verteidigt hat, ging es Ende Dezember bis Anfang Januar für zwei Wochen wieder nach Südostasien. Es ist bereits das zweite Mal, das sie dort war, um Asien in all seinen Facetten kennenzulernen. Diesmal waren Südvietnam und Kambodscha das Ziel. kpi1

Natürlich ist das Reisen amüsanter als das Schreiben einer Masterarbeit, doch war diese natürlich notwendig, um das duale Studienprogramm an beiden Universitäten, der Hochschule Osnabrück und der Kyung Hee University abzuschließen.

Die Kriterien beider Institutionen einzuhalten, war nicht ganz so einfach, wie ich es mir gewünscht hätte. Während man in Deutschland den Starttermin für das Schreiben der Arbeit einfach nur anzumelden braucht und dann vier Monate Zeit bekommt, muss in Korea ein strikter Zeitplan eingehalten werden. Dieser Zeitplan beinhaltet verschiedene Präsentationen, Inhaltsvorschläge und auszufüllende Dokumente.

Meine Idee war von vornherein, die Arbeit mit einer öffentlichen Forschungsinstitution in Südkorea zu schreiben. Im Koreanischen Institut für Internationale Wirtschaftspolitik durfte ich als Forschungsassistentin im Lateinamerika-Team fungieren und an einem Bericht über multinationale Unternehmen aus Lateinamerika beitragen. Schwerpunkt bei diesem Forschungsprojekt war es, lateinamerikanische Firmen, die bereits ins Ausland expandiert sind, genauestens zu studieren und dabei besonders auf ihre Investitionsstrategien, -motivationen und -partner einzugehen. Darüber hinaus musste das Lateinamerika-Team Empfehlungen für die südkoreanische Regierung geben, welche wirtschaftspolitischen Richtlinien, Gesetze und Anreize eingeführt werden sollten, um heimatliche Unternehmen zu Partnerschaften mit Lateinamerika zu bewegen und lateinamerikanische Unternehmen sogar zu Direktinvestitionen in Südkorea zu motivieren.

Die Forschungsarbeit über Direktinvestitionen und Partnerschaften zwischen südkoreanischen und lateinamerikanischen Firmen stellte sich für mich als sehr spannend dar. Auf dem Gelernten konnte ich meine Masterarbeit aufbauen und sie am 23. Dezember in Südkorea erfolgreich verteidigen. In der Prüfungskommission saßen zwei koreanische Professoren und ein deutscher Professor, der allerdings nur über Skype (einem Computer-Programm für kostenlose Telefonate mit Video) anwesend war. Diese Prüfungskommission aus zwei verschiedenen Nationalitäten machte die Fragenstellungen und Diskussionen sehr interessant. Jedoch muss ich zugeben, dass ich froh war, als die Verteidigung vorbei und ich meine Koffer für die Reise nach Vietnam und Kambodscha packen konnte.

Am 25. Dezember ging es mit meinem Freund, Leonel aus Guatemala, nach Südostasien. Diese Reise war natürlich horizonterweiternd, aber vor allem erschreckend.

Die ersten zwei Tage verbrachten wir in Ho Chi Minh Stadt, vor dem Vietnamkrieg noch als Saigon bekannt. Hier lernten wir im Kriegsmuseum viel über den Krieg, der zwischen dem kommunistischen Norden und dem antikommunistischen Süden des Landes von 1955 bis 1975 geführt wurde. Der Norden wurde während des Krieges von China und der ehemaligen Sowjetunion und der Süden von den USA, Thailand, Australien, Philippinen, Neuseeland und Südkorea unterstützt. Nachdem die Kämpfe für beide Seiten über 14 Jahre anhielten, entschied der amerikanische Präsident Nixon ab 1969, die US-Truppen Schritt für Schritt abziehen zu lassen. Das zog den Sieg Nordvietnams über Südvietnam mit sich und führte 1975 zu der Eroberung des Südens durch nordvietnamesische Truppen.

Millionen Vietnamesen wurden im Krieg verstümmelt und vergiftet. Es war erschütternd, Bilder der Opfer zu sehen, die mit dem Entlaubungsmittel Agent Orange mit dem Gift TCDD, einem der giftigsten Chemikalien, das die USA im Vietnamkrieg großflächig einsetzte, getötet wurden. Da dieses Gift sehr persistent ist und somit lange in der Umwelt verbleibt, stellt es eine andauernde Belastung für die vietnamesische Bevölkerung dar. Noch Generationen später erleiden Menschen physische und psychische Einschränkungen und Qualen, da bis in die Gegenwart schwere Fehlbildungen bei Kindern, Krebserkrankungen und Immunschwächen in drastisch erhöhter Form auftreten.

Vietnam ist bis heute ein Einparteienstaat, in welchem die Kommunistische Partei Vietnams (KPV) die Einheitspartei darstellt und somit das Machtmonopol innehat. Jedoch ist eine Öffnung des Landes immer mehr zu spüren. Vietnam macht sich attraktiv für Touristen und ausländische Investoren. Unzählige Touristen aus verschiedenen Ländern in den Straßen der Ho Chi Minh Stadt sind der Beweis dafür. Die Straßen sind jedoch nicht nur überfüllt mit Einheimischen und Touristen, sondern vor allem mit Mopeds, die sich wie ein Bienenschwarm fortbewegen. Wollen Passanten die Straße überqueren, ist es nur möglich nach dem Motto "Augen zu und durch". Ist der Mut gering und die Angst zu groß, hat man kaum eine Chance, die Straße zu überqueren, da nicht an allen Kreuzungen Ampeln existieren. Setzt man den ersten Fuß auf die Straße, heißt es, langsam vorzupirschen, damit die Fahrer einen sehen und umkreisen. Läuft man zu schnell über die Straße, kann es zu einem Unfall kommen, da Mopeds in dieser Masse so schnell nicht reagieren können.

Der Grund für diese Vielzahl an Motorrädern und Mopeds sind die exorbitanten Preise für Autos, die allesamt importiert werden müssen, vor allem aus Japan und Korea.

Der Grund? Vietnam produziert bis heute keine eigenen Autos, Maschinen und technologischen Geräte. Demzufolge kann es auch keine hochwertigen Produkte ins Ausland verkaufen und exportiert, mit den größten Einnahmequellen aus Landwirtschaft und Tourismus, vorrangig Reis und Kaffee. So ist das Land nach Brasilien zum Beispiel der zweitgrößte Kaffee-Exporteur. Leider weiß das fast niemand, da Vietnam keine international bekannte Kaffee- oder Reismarke besitzt.

Obwohl Vietnam größtenteils von der Landwirtschaft lebt und überwiegend Rohstoffe exportiert, ist es dennoch zehn Mal wohlhabender als sein Nachbar Kambodscha, ein Land mit zwei Gesichtern: Wunderschöne Tempelanlagen einerseits und systematische Korruption, die Armut und Elend mit sich bringt. Darüber erzähle ich jedoch gerne im kommenden Artikel.