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| 13:11 Uhr

Mobbing
„Schlüssel gegen Mobbing ist das Herz“

Carsten Stahl gibt Anti-Mobbing-Seminare an Schulen und war in Lohsa zu Gast, um über psychische Gewalt aufzuklären.
Carsten Stahl gibt Anti-Mobbing-Seminare an Schulen und war in Lohsa zu Gast, um über psychische Gewalt aufzuklären. FOTO: Anja Hummel / LR
Lohsa. TV-Promi Carsten Stahl klärt Schüler aus Lohsa über seelische und körperliche Gewalt auf. Von Anja Hummel

Einige Schüler halten sich in den Armen, andere verbergen ihr Gesicht in den Händen. Es fließen Tränen. Bei Mädchen und Jungen, Fünftklässlern und 16-jährigen Schülern. Carsten Stahl kniet auf der Bühne, hat mit seiner Geschichte alle im Raum berührt, einen wunden Punkt getroffen. „Ich schwöre, dass ich nicht aufhöre, gegen Mobbing in unserem Land zu kämpfen, bevor nicht jeder verstanden hat, dass Mobbing gefährlich ist und Menschen vernichtet“, sagt der TV-Profi energisch. Er schreit es förmlich heraus, mit all seiner Überzeugung. Die Wirkung sitzt, die Stimmung ist hoch emotional.

 Alle 250 Schüler der Lohsaer Oberschule sind seit der ersten Stunde in der Aula versammelt. Auch ihre Lehrer sind dabei. Es ist alles andere als ein normaler Schultag. Sie haben sich einem Thema gewidmet, das ganz offensichtlich alle bewegt: Mobbing. Für die Auseinandersetzung mit dieser Form von Gewalt hat die Schule einen Gast eingeladen. Der Berliner Carsten Stahl war lange Zeit im Fernsehen zu sehen. Als „Privatdetektiv im Einsatz“ flimmerte er bis 2014 auf dem Sender RTL II über den Bildschirm – als knallharter Ermittler, muskulös und tätowiert. Heute ist der 45-Jährige Anti-Gewalt-Trainer und an Schulen, aber auch in Unternehmen unterwegs. Denn Mobbing, sagt er, ist überall.

 Auch in Lohsa. Es ist Mittagspause, aber so richtig an belegte Brötchen und Pausenhof können die wenigsten denken. So wie Melanie*. Tränen kullern ihr über die Wangen. Schon in der Grundschule hat es bei ihr angefangen, erzählt sie. Beleidigende Worte, Ignoranz. Immer noch hat sie damit zu kämpfen. „Wenn ich im Pausenraum sitze, kommt einfach niemand zu mir. Dabei tue ich doch keinem was.“ So gut wie nie redet sie darüber. „Aber Carsten Stahl hat mir schon irgendwie Mut gemacht“, sagt das Mädchen. Vorsichtig blickt sie durch ihren Pony. Ein gutes Beispiel sei er, schließlich war er selber mal extremes Mobbing-Opfer.

Schonungslos hat Carsten Stahl den Schülern erzählt, wie er als Kind von seinen Mitschülern gedemütigt und geschlagen wurde. Immer wieder. Bis er sich Hilfe holte.

Auch Melanie möchte jetzt darüber sprechen. Ihre Klassenlehrerin weiß längst Bescheid, ihre Eltern auch. „Wir versuchen ihr zu helfen und greifen ein, wo es geht“, sagt ihre Lehrerin. „Aber bestimmte Dinge passieren so verdeckt, da ist man einfach machtlos.“

Für Carsten Stahl sind Betroffene wie Melanie genau der Grund für sein engagiertes Auftreten. Seit 2014 tourt er durch ganz Deutschland, um über Mobbing aufzuklären. Nur durch Prävention könne dieses gesellschaftliche Problem eingedämmt werden. „ Jahrelanges Verschweigen und Verharmlosen und das Unterschlagen der Zahlen haben dazu geführt, dass es immer gefährlicher wird“, sagt Stahl. Bis zu eine Million Fälle von Mobbing gebe es pro Woche an deutschen Schulen. „Jeder Lehrer, der sagt, dass es an seiner Schule kein Mobbing gibt, der lügt“, ist Carsten Stahl fest überzeugt. Häufig aber höre er genau diese Aussage. Dahinter stecke schlicht und ergreifend die Angst, als Problemschule dazustehen. „Aber es gibt keine Problemschulen. Es gibt ein Problem mit Gewalt und Mobbing in unserer Gesellschaft“, erzählt der 1,90 Meter große Mann. Irgendwelche Titel und Diplome habe er nicht, „aber ich habe meine eigene Geschichte“. Für Carsten Stahl ist genau das der entscheidende Punkt. „Der Schlüssel gegen Mobbing ist das Herz. Wenn man die Kinder nicht im Herzen berührt, dann glauben sie einem nicht und verändern sich auch nicht.“ Durch seinen eigenen Mut würden die Jugendlichen selber den Mut finden, über ihre Situation zu sprechen.

Das soll nun auch in den Klassen passieren, verspricht Melanies Lehrerin, während sie die 14-Jährige nachdenklich von der Seite anschaut. Melanie hofft, dass ihre Mitschüler nach diesem emotionalen Anti-Mobbing-Tag mehr über ihr eigenes Verhalten nachdenken.

Regelmäßig veranstaltet die Oberschule Lohsa solche Projekttage. Nicht nur, weil sie den Titel „Schule ohne Rassismus. Schule mit Courage“ trägt. „Ein Kollege hat eine schwere Klasse übernommen, in der Mobbing auch ein Thema war“, erzählt Schulleiterin Margit Hypko. Kurzerhand entschied sich das Kollegium für das Coaching durch Carsten Stahl. „Wir sind alle sehr begeistert von seiner Arbeit“, so die Schulleiterin. Dass die Einladung vom überzeugenden Profi eine wichtige Entscheidung für die Lohsaer Oberschüler war, machen die emotionalen Reaktionen deutlich.

Bevor Stahl mit seinem Bus weiter zum nächsten Anti-Mobbing-Seminar reist, tritt er in der Aula noch einmal vor die Schüler. Mit einem Appell an alle: „Lasst euch helfen und sagt Stopp“, betont er den letzten Part mit unerwartet sanfter Stimme und hofft, mit dem „Stopp-Signal“ auch die Täter ganz tief in ihren Herzen erreicht zu haben.

*Name von der Redaktion geändert