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| 16:25 Uhr

Geschichte
Willy Blums Schicksal und das Leid der Sinti und Roma

Die Autorin Dr. Annette Leo steht bei ihren Büchern in der Thalia-Buchhandlung in Hoyerswerda.
Die Autorin Dr. Annette Leo steht bei ihren Büchern in der Thalia-Buchhandlung in Hoyerswerda. FOTO: Katrin Demczenko
Hoyerswerda. Dr. Annette Leo hat für ihr Buch „Das Kind auf der Liste“ auch in Hoyerswerda recherchiert. Von Katrin Demczenko

Veranstaltungen rund ums Lesen organisiert die Thalia-Buchhandlung Hoyerswerda im Lausitz-Center öfter. Doch ein Stück vergessene Geschichte der Stadt wird dabei eher selten betrachtet.

Die Historikerin und Journalistin Dr. Annette Leo las zum „Lesemittwoch“ aus ihrem 2018 veröffentlichten Buch „Das Kind auf der Liste“ über das Schicksal des 16-jährigen Willy Blum und seiner Großfamilie in der Nazizeit.

Die deutsche katholische Sinti-Familie zog wie viele andere mit ihrem Marionettentheater durchs Land und lebte von 1938 bis 1943 in Hoy­erswerda. Da die Nazis Sinti und Roma immer mehr unterdrückten, bekam der Vater Aloys Blum 1942 den Wandergewerbeschein „aus rassischen Gründen“ nicht verlängert. Die Familie musste ins Elendsviertel von Hoyerswerda ziehen, Zwangsarbeit leisten und durfte die Stadt nicht verlassen.

Weil Aloys Blum trotzdem in Berlin den Wandergewerbeschein einforderte, wurde er nach seiner Rückkehr verhaftet und kam ins Zigeunerlager Auschwitz-Birkenau, las Annette Leo vor. Diese und weitere Informationen erhielt die Historikerin von der Hoyerswerdaer Stadtarchivarin Martina Noack, ihrem Mann und der ehemaligen Museumsleiterin Elke Roschmann. Die Leser hörten von der Ausgrenzung der Familie, die exemplarisch das Leid aller Sinti und Roma beschreibt.

Von 1943 bis August 1944 waren auch Toni Blum und ihre zehn Kinder in Auschwitz inhaftiert, denn die Nazis wollten Sinti, Roma und Juden ausrotten, weil sie keine Arier waren und anders lebten, sagte Annette Leo. Mit der Auflösung des Lagers kam die Familie in verschiedene Konzentrationslager. Willy und Rudolf Blum wurden im KZ Buchenwald gequält, wo 200 inhaftierte Kinder und Jugendliche im September 1944 für die Rückkehr nach Auschwitz aufgeschrieben wurden. Zu den „unnützen Essern“ gehörte Rudolf Blum und Willy fuhr freiwillig mit ihm in den sicheren Tod.

Das Schicksal der Blum-Brüder wurde nur bekannt, weil die Nr. 200 auf der Liste Stefan Jerzy Zweig war. Er gilt als Vorlage für das gerettete „Buchenwald-Kind“ in Bruno Apitz’ Roman „Nackt unter Wölfen“, erzählte Annette Leo. Der Name des damals Dreijährigen war auf der erst zur Jahrtausendwende aufgetauchten Liste einer von zwölf gestrichenen, die durch zwölf andere auf einem Zusatzblatt ersetzt wurden, der letzte war Willy Blum. Willy und Rudolf überlebten als einzige der Sinti-Familie den Holocaust nicht. Die anderen Mitglieder trafen sich im Sommer 1945 in Hoyerswerda und gingen in die Pfalz zu Verwandten, weil sie kein Marionettentheater als Existenzgrundlage mehr hatten.

Annette Leo schrieb ihr Buch auch nach Informationen von Willy Blums Schwester Elli Schopper und seiner Nichte Ella Braun, aus Akten von KZs sowie Entschädigungsämtern für die Haftzeit in der alten BRD. Schockierend fand die Historikerin, dass Beamte aus Zigeunerreferaten von vor 1945 nach dem Krieg als „Experten“ für diese Menschen weiterarbeiten durften und dass Sinti und Roma nur geringe Entschädigungen erhielten. Ella Braun erlebte rassistische Anfeindungen im Alltag und ihre Enkel kämpfen bis heute um eine normale Akzeptanz in der Gesellschaft.

Nach der Lesung diskutierten die Anwesenden die Chemnitzer Ereignisse sowie den Rechtsruck in Deutschland und anderen EU-Staaten. Die 15-jährige Emelie Pallmer sagte deshalb warnend: „Viele sind sich nicht bewusst, dass sich Geschichte wiederholen könnte.“