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| 02:45 Uhr

Roadmovie durch ein "verfallendes Land"

Mirko Schwanitz (links) und Olaf Kühl präsentieren den Roman "Tote Tiere".
Mirko Schwanitz (links) und Olaf Kühl präsentieren den Roman "Tote Tiere". FOTO: Katrin Demczenko/dcz1
Hoyerswerda. In der Reihe "Grenzgänge – Hoyerswerdaer Gespräche" des Kunstvereins sollte am vergangenen Freitag endlich der österreichische Autor Martin Pollack sein Buch "Kaiser von Amerika" vorstellen, aber aus Krankheitsgründen hatte er wieder abgesagt. Darüber informierte der Kunstvereinsvorsitzende Martin Schmidt die Veranstaltungsbesucher. Katrin Demczenko/dcz1

Stattdessen war im Hoyerswerdaer Schloss Olaf Kühl, deutscher Autor, Übersetzer aus dem Polnischen sowie Russischen und Russlandreferent des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, zu Gast. Er stellte sein Romandebüt "Tote Tiere" aus dem Jahr 2011 vor. Darin reisen der Deutsche Konrad und sein polnischer Freund Andrzej mit der irrwitzigen Idee nach Sibirien, Michail Chodorkowski, den berühmten politischen Gefangenen, zu befreien. ",Tote Tiere' ist ein Roadmovie durch ein verfallendes und an seinen Widersprüchen krankendes Land", sagte der Berliner Hörfunkjournalist Mirko Schwanitz, der das Gespräch mit Olaf Kühl führte.

Der Autor schreibt in seinem Buch nicht nur über Abenteuer der Reisenden, er stellt auch in detailreicher Sprache sibirische Orte, die Landschaft und ihre Menschen vor. Der Russlandkenner Kühl pflegt keinen verklärten Blick auf das riesige Land im Osten und seine auf die Welt ausstrahlenden großen Probleme. Er erklärte den nur wenigen Zuhörern, dass das Buch nach einer Sibirien-Reise entstanden ist, die er und sein polnischer Schriftstellerfreund Andrzej Stasiuk 2008 unternommen hatten. Dabei kamen die beiden auch Chodorkowskis Straflager im chinesischen Grenzland nahe - zumindest von außen.

Kühl bietet dem Leser mit seiner Figur Natascha, die in Chodorkowskis Gefängnis verkehrt, einen Einblick in die Denkweise einfacher Russen. Sie ist zumindest teilweise von der Propaganda staatlich gelenkter Medien und der Angst vor dem immer noch im Land agierenden Geheimdienst beeinflusst, erzählte Olaf Kühl. Deshalb war er überrascht, dass er 2012 sein Buch "Tote Tiere" an verschiedenen Universitäten Russlands und Sibiriens vorstellen durfte. Er konnte dort mit den Studenten frei über den inhaftierten, schwerreichen Ex-Manager Chodorkowski sprechen. Heute wäre das nicht mehr möglich, sagte Olaf Kühl, denn die politische Lage im Land habe sich verschlechtert. Der mit Waffengewalt ausgetragene Konflikt um das Nachbarland Ukraine halte die Welt in Atem. Den Grund für diese Auseinandersetzung sieht Kühl in der neuen Rolle Russlands. Es sei seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion nur noch Mittelmacht und "das ist mental in den Köpfen noch nicht nachvollzogen worden". Der Roman von Olaf Kühl animiert seine Leser, ihr Russlandbild zu hinterfragen, schloss Mirko Schwanitz das Gespräch mit den Zuhörern, zu dem sich die Lesung entwickelt hatte.

Die Veranstaltungsreihe wird von der Robert-Bosch-Stiftung unterstützt und Schirmherr ist der Hoyerswerdaer Oberbürgermeister Stefan Skora.