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Amtsgericht Bautzen
Suche nach der Wahrheit mit dem Lügendetektor

Die Rechtspsychologin Gisela Klein bringt vor Prozessbeginn im Amtsgericht in Bautzen (Sachsen) den Polygrafen in Stellung. Doch die Beweisaufnahme im Missbrauchsprozess zieht sich in die Länge. Der Lügendetektor kommt deshalb nun erst in einer Woche zum Einsatz.
Die Rechtspsychologin Gisela Klein bringt vor Prozessbeginn im Amtsgericht in Bautzen (Sachsen) den Polygrafen in Stellung. Doch die Beweisaufnahme im Missbrauchsprozess zieht sich in die Länge. Der Lügendetektor kommt deshalb nun erst in einer Woche zum Einsatz. FOTO: Kathleen Weser / Medienhaus Lausitzer Rundschau
Bautzen. Missbrauchsprozess am Jugendschutzgericht Bautzen eröffnet.

Von Kathleen Weser

Die Geschichte hat das Potenzial für eine Seifenoper: Eine schräge Dreierbeziehung scheitert, in der ein Bruder den anderen mit dessen Lebenspartnerin verbal betrügt. Beim SMS-Sex ist zwar Schluss. Aber der Mann landet vor dem Kadi, weil er die Tochter der nur fast platonisch Geliebten missbraucht haben soll. Am Bruderstreit zerbricht eine ganze Familie. Allerdings hat diese Tragödie das Leben geschrieben. Und Strafrichter Dr. Dirk Hertle verhandelt den Fall seit Dienstag am Jugendschutzgericht Bautzen. Akribisch sucht er nach der Wahrheit. Bundesweit erstmals in einem Strafverfahren auch mit einem technischen Zeugen, dem der erfahrene Jurist nach dem ersten Prozesstag eine Schlüsselrolle zuweist: dem Lügendetektor.

Die forensische Rechtspsychologin und -physiologin Dr. Gisela Klein aus Köln ist dafür angereist. Der Metallkoffer, den sie in den Sitzungssaal trägt, ist unscheinbar und optisch altbacken. Der Polygraf, der zum Vorschein kommt, erinnert an ein Relikt aus einem amerikanischen Agentenfilm deutlich vor dem digitalen Zeitalter. Die Expertin, die nunmehr bereits 25 Jahren hauptberuflich bundesweit als gerichtliche Sachverständige tätig ist, bestätigt: Es gibt schon neuere Modelle mit moderner Datenverarbeitung. Die Unternehmen, die sie bauen, aber geben den Weg der Auswertung nicht Preis.

Gisela Klein wird von den Familiengerichten in Sachsen sehr häufig angefordert. In Streitfällen von Trennungen, in denen Missbrauchsvorwürfe alles andere als selten sind. Die meisten Polygrafen-Tests bestätigen, dass Mutter und Vater bei der Wahrheit bleiben. „Meist verkraften die Kinder die Trennung der Eltern nicht“, sagt die Fachfrau am Lügendetektor.

Richter Dirk Hertle beschreitet mit dem Polygrafen-Test in einem Strafverfahren jetzt deutschlandweit eine neuen Weg, der rechtswissenschaftlich auch umstritten ist. Der Missbrauchsprozess gegen den 44-jährigen Bautzener, der am Lügendetektor seine Unschuld beweisen will, kann daher Geschichte schreiben. Am 26. Oktober, wenn die Hauptverhandlung mit dem Sachverständigengutachten fortgesetzt und das Urteil gesprochen wird.