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Reportage: Das Leben aus einem anderen Blickwinkel

Was Lothar Franke früher mit den Augen sah, sieht er heute mit seinem weißen Stock. Den Weg zum Supermarkt kennt er wie seine Westentasche.
Was Lothar Franke früher mit den Augen sah, sieht er heute mit seinem weißen Stock. Den Weg zum Supermarkt kennt er wie seine Westentasche. FOTO: Anja Hummel
Hoyerswerda. Weltweit feiern heute Blinde und Sehbehinderte den "Tag des weißen Stockes". Auch in der Region gibt es viele Menschen, die ein Leben ohne Augenlicht führen. Einer von ihnen ist der Hoyerswerdaer Lothar Franke. Die Rundschau durfte ihn in seinem Alltag begleiten. Anja Hummel

Lothar Franke tastet sich voran. Mit der rechten Hand erfühlt er die Joghurts im mittleren Kühlregal, umfasst eine Quark-Verpackung und macht zwei Schritte vorwärts. Zielgerichtet bückt er sich nach vorn und greift in das unterste Fach. Der 80-Jährige hält ein Stück Butter in der Hand. Die Marke ist ihm egal. "Ich nehme immer die, von der am wenigsten da ist. Die muss gut sein", sagt Lothar Franke und lächelt. Bis zu vier Mal pro Woche geht er immer in denselben Supermarkt, um Kleinigkeiten einzukaufen. Auch ohne Augenlicht findet er sich zurecht. Das war nicht immer so.

Vor 15 Jahren bekam er vom Arzt die Diagnose Grauer Star. "Der sagte mir, dass ich erblinden werde und es keine Hilfe gibt", erinnert sich der Hoyerswerdaer genau. "Vier Wochen später war das Licht aus." Ein Schock für den damals 65-Jährigen. Heute kennt er sich in seinem "Stamm-Supermarkt" besser aus als so manch einer, der sehen kann.

Mit dem "Holzauge", wie er seinen Blindenstock nennt, ertastet er den Boden, um sich zu orientieren. "Man muss einfach immer die Kanten suchen, dann klappt das", sagt er, während er vom Kühlregal zu den Brötchen abbiegt. An dieser Station braucht er Hilfe. "Ich warte dann, bis eine Person vorbeikommt und spreche sie an." Hilfsbereit seien die Menschen immer, beteuert der sechsfache Vater. Ob an der Ampelkreuzung oder beim Einkauf, immer sei jemand zur Stelle. "Dafür möchte ich mich bei den Bürgern von Hoyerswerda bedanken", sagt Lothar Franke.

Videobeitrag: Unterwegs mit einem Blinden

Generell gebe es in der Stadt keine großen Hindernisse für ihn. Nur, wenn mal wieder die Ampelsignale ausfallen, sei das ärgerlich. Die brauche er, um sicherzugehen, dass das Ampelmännchen auch auf Grün steht.

So geht er jeden Samstagmorgen auf den Markt und holt frische Brötchen, fährt alleine mit dem Bus in den Garten, macht Spaziergänge, um sich fit zu halten oder fliegt mit seiner Partnerin in den Urlaub ans Meer. "Ich bin kerngesund, mir fehlt nichts", sagt der Mann mit den fünf Sinnen. Ganz im Gegenteil - mit dem Verlust des Augenlichts habe er dazugewonnen. "Ich habe ein ganz anderes Gefühl in den Händen und Füßen, meine Sinne sind absolut geschärft."

Um sich aber so sicher in der "dunklen Welt" bewegen zu können, bedurfte es einiges Training. Nach der Erblindung machte er einen sechsmonatigen Kurs, um den Umgang mit dem Blindenstock zu lernen. Und auch seine Familie hat einen erheblichen Anteil an seiner selbstständigen Lebensweise: "Meine Kinder haben mich sehr motiviert und unterstützen mich immer noch in jeder Lebenslage. Gerade am Anfang brauchte ich sehr viel Kraft, ich musste ja ein ganz neues Leben anfangen", blickt Lothar Franke zurück. Die Motivation weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, war das Beste, was ihm passieren konnte. "Man darf sich nicht bedauern, sonst ist man verloren."

Lothar Franke hat nach dem Schicksalsschlag schnell den Mut gefunden, einfach loszulaufen. "Klar, wenn ich in Gedanken bin, verpasse ich auch mal den richtigen Abzweig", erzählt der Musikliebhaber. "Dann drehe ich halt wieder um und laufe zurück." Um den Alltag so normal wie möglich zu gestalten, hat Lothar Franke auch so manch hilfreiches Objekt am Mann - gern auch als modisches Accessoire getarnt. So trägt er am linken Armgelenk eine Uhr mit ganz normalem Ziffernblatt, aber außergewöhnlicher Funktion. Betätigt er die Knöpfe, werden ihm Uhrzeit und Datum angesagt.

Während er auf dem Rückweg vom Supermarkt in seine Wohnung den weißen Stock gefühlvoll vor seinen Beinen von rechts nach links schwingt, hat er die Wege von früher noch vor Augen. Erfahren zu haben, wie die Welt überhaupt aussieht - darüber ist der Mann mit dem "Holzauge" sehr froh. Geändert habe sich für ihn einfach nur der Blickwinkel auf das Leben.

Zum Thema:
Der "Tag des weißen Stockes" wirdjedes Jahr am 15. Oktober begangen. Weltweit soll dieser Tag auf die Situation blinder und sehbehinderter Menschen aufmerksam machen. Seit 1931 dient der weiße Stock blinden Menschen als Schutz- und Erkennungszeichen. Laut des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband gibt es in ganz Deutschland etwa 150 000 blinde und 500 000 sehbehinderte Menschen. In Sachsen leben etwa 10 000 blinde und ungefähr 25 000 sehbehinderte Personen. Es handelt sich hierbei um Schätzungen. Laut Erhebungen der Weltgesundheitsorganisation WHO ist die Zahl der betroffenen Personen jedoch deutlich höher.In Hoyerswerda gibt es bereits seit dem Jahr 1953 die Hoyerswerdaer Regionalgruppe des Blinden- und Sehbehindertenverband, der aus insgesamt 32 Mitgliedern besteht. Diese treffen sich jeden Donnerstag von 14 bis 17.30 Uhr im Haus der Parität in Hoyerswerda.