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| 16:07 Uhr

Interview mit Heike Rittel
„Reden und Zuhören sind extrem wichtig“

Heike Rittel mit ihrem Buch über die Opfer der Colonia Dignidad.
Heike Rittel mit ihrem Buch über die Opfer der Colonia Dignidad. FOTO: Ute Richter
Hoyerswerda. Die Brigitte-Reimann-Bibliothek in Hoyerswerda veranstaltet am Mittwoch um 15 Uhr eine Lesung. Die Sprembergerin Heike Rittel wird Auszüge aus ihrem Buch „Lasst uns reden – Frauenprotokolle aus der Colonia Dignidad“ vorstellen. Von Anja Guhlan

  Die RUNDSCHAU sprach mit der Autorin Heike Rittel über ihre Motivation zu dem Buch, warum das Thema Colonia Dignidad heute immer noch so wichtig ist und über ihre persönlichen Veränderungen durch das Werk.

 Frau Rittel, Sie sind auf das Thema der  Colonia Dignidad eher zufällig bei einem Sabbatjahr in Chile gestoßen. Was waren die Motivation, der Reiz, sich mit dem Thema so intensiv zu beschäftigen?

Heike Rittel: Früher oder später kommt man in Chile einfach nicht an den Spuren der ehemaligen Colonia Dignidad vorbei. Was bei diesem Thema sofort neugierig macht, ist die extrem unterschiedliche Bewertung der Berichtenden. Man findet bis heute in Chile genügend Menschen, die sich vor allem an gelungene Kulturprogramme und deftiges deutsches Essen in den Restaurants der Colonia erinnern und auf der anderen Seite hört man von den langjährigen Verbrechen an verschiedenen Opfergruppen. Und dann ließ uns vor allem ein Satz aufhorchen, den wir nur allzu gut kannten: „Es war nicht alles schlecht.“ Da wurde uns plötzlich ein Spiegel vorgehalten, zu dem, was wir im Umgang mit der DDR-Geschichte von zu Hause kannten. Und aus dieser Erfahrung heraus wollten wir keineswegs die Besserwisser von außen sein, sondern begannen erst einmal gründlich mit dem Zuhören. Dabei kamen Tatsachen ans Licht, die mich persönlich fassungslos machten.  In Frauenprotokollen wollten wir dieses Zuhören ursprünglich für das Museum vor Ort öffentlich machen. Erst viel später entstand dann die Idee zu dem Buch.

Sie haben sich ingesamt sechs Jahre mit dem Thema beschäftigt. Was haben Sie in diesem Zusammenhang alles erlebt? Welche Momente stechen heute immer noch heraus?

Rittel: Unmöglich, alle besonderen Erlebnisse aufzuzählen. Es sind vor allem immer wieder die Gesprächsmomente, die verblüffen und beeindrucken. Wenn plötzlich jemand anfängt zu reden, der sich bisher komplett verweigert hat. Wenn einem eine Frau, die man nun schon jahrelang zu kennen glaubt, plötzlich völlig neue Ungeheuerlichkeiten eröffnet, über die sie bisher nicht zu sprechen gewagt hat. Wenn man erfährt, wie jahrelanges persönliches Leiden ohne Rachegedanken und Hass verarbeitet werden. Und welch ambivalente Rolle der Glaube an Gott spielen kann, einerseits jahrzehntelang im Interesse der Unterdrücker und Peiniger, andererseits nun, um persönliche Stabilität und Souveränität im neu gewonnen freien Leben zu gewinnen.

 Wieso ist das Thema heute immer noch so wichtig?

Rittel: Zum einen sollte endlich die finanzielle Entschädigung für Opfer der Colonia Dignidad – gleich welcher Herkunft und Nationalität – erfolgen. Zum anderen kann uns der Blick voller Entrüstung auf die Colonia Dignidad bei selbstkritischer Haltung einiges bewusst machen.

 Was hat das Thema letztendlich in Ihnen persönlich verändert?

Rittel: Die Prozesse um die Entstehung des Buches haben mich einzigartig gelehrt, wie extrem wichtig und befreiend Reden, Zuhören und das Erfahren von Aufmerksamkeit bei Betroffenen in unterschiedlichsten Zusammenhängen sein können. Und dass Menschlichkeit unabhängig von der jeweiligen politischen Lage unteilbar und selbst unter schlimmsten Bedingungen unausrottbar ist. Außerdem bin ich bei den Arbeiten am Buch in eine Gemeinschaft aufgeklärter und engagierter Menschen in Deutschland und Chile geraten, die sich unter- und füreinander unterstützen, motivieren, konstruktiv kritisieren und zuhören. Das allein ist schon eine sehr wohltuende und solidarische Erfahrung.