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| 15:53 Uhr

Bautzen
Raubgut-Forscher fordern Hilfe der Politik

Forscher Robert Langer hält in den Räumen der Bautzener Stadtbibliothek ein als NS-Raubgut identifiziertes Buch in den Händen.
Forscher Robert Langer hält in den Räumen der Bautzener Stadtbibliothek ein als NS-Raubgut identifiziertes Buch in den Händen. FOTO: Monika Skolimowska / dpa
Bautzen. Von den Nazis geraubte Bücher finden sich in den meisten deutschen Bibliotheken. Erforscht ist ihre Herkunft aber nur in den wenigsten Fällen. Forscher fordern in Bautzen deshalb nun mehr Unterstützung durch die Politik. Von Bodo Baumert

Bautzen ist beispielgebend für die Erforschung der Altbestände. In der dortigen Bibliothek hat der Provenienzforscher Robert Langer seit vier Jahren die Lager durchsucht und dabei spektakuläre Fälle wie die Büchersammlung der Hertie-Gründer-Familie Tietz entdeckt.

Doch Bautzen ist die Ausnahme. Hannover ist die bisher einzige Kommunalbibliothek, die ein ähnliches Vorhaben verfolgt. Ansonsten beschränkt sich die Arbeit auf große wissenschaftliche Einrichtungen. „Nur ein Bruchteil der Bestände ist bisher überhaupt betrachtet“, sagt Michaela Scheibe von der Staatsbibliothek in Berlin. Sie ist Leiterin des Arbeitskreises der Raubgutforscher, der sich in den vergangenen Tagen in Bautzen getroffen hat.

Bautzen als gutes Beispiel

Wichtigste Erkenntnis der Experten: Nur mit befristeten Projekten, die an einzelnen Einrichtungen gefördert werden, geht es nicht. „Wir brauchen die Verstetigung, die es bisher nur in wenigen Fällen gibt“, sagt Olivia Kaiser von der Uni Wien.

Bautzen ist ein gutes Beispiel dafür. Erst ein Viertel der Altbestände ist aufgearbeitet. Trotzdem endet nun das Projekt. „Dass es keine Fortsetzung gibt, ist ein Fehler“, sagt Jana Kocourek von der SLUB Dresden und setzt hinzu: „Das ist eine Aufgabe der Politik, hier in den Kommunen für mehr Engagement zu werben.“ Den politischen Willen zur Raubgutforschung haben Bund, Länder, Kommunen 1999 abgeben. „Jetzt geht es darum, dass auch umzusetzen“, betont Michaela Scheibe.

Spektakuläre Erfolge

Für die Stadt Bautzen war die Tagung eine Auszeichnung. Erstmals hat sich der Arbeitskreis Provenienzforschung und Restitution mit seinen fast 90 Mitgliedern in der Stadt getroffen. Das Bautzener Forschungsprojekt hatte es deutschlandweit in die Schlagzeilen geschafft, als Forscher Robert Langer die Büchersammlung Edith und Georg Tietz, die einstigen jüdischen Inhabern der Hertie-Warenhauskette, entdeckte. Kürzlich konnten zudem die Bücher von Helene und Carl Schlesinger, bis 1938 Inhaber des Bankhauses Abraham Schlesinger Berlin, identifiziert werden. Das Ehepaar wurde 1942 mit seinen Kindern in die Vernichtungslager deportiert und ermordet.

Seit zehn Jahren wird die Raubgut-Forschung von der Bundesregierung finanziell gefördert. In dieser Zeit konnten die Bibliotheken über 30 000 Bücher als Raubgut identifizieren, an die Lost Art-Datenbank melden und viele davon restituieren, also den Besitzern oder deren Nachfahren zurückgeben. Erst am Dienstag wurde in Bautzen ein weiterer kleiner Fund übergeben.

Die Ergebnisse des Bautzener Projektes hat der Forscher Robert langer nun auch in einer Publikation zusammengestellt. Das Buch „Die Wege der geraubten Bücher. Die Stadtbibliothek Bautzen und die Hertie-Sammlung“ soll am 2. Mai um 19 Uhr in der Bibliothek in Bautzen vorgestellt werden.