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Altes Hoyerswerda ganz neu entdeckt
Rätsel des historischen Fahrplans gelöst

Stadtführerin Elke Roschmann (M.), profunde Kennerin der Historie, lässt die Geschichte und Geschichten der Stadt Hoyerswerda aufleben. Neubürgerin Katrin Visser (r.) nutzt die Gelegenheit, ihre neue berufliche Heimat unterhaltsam kennen zu lernen. Der spannende Rundgang ist zu empfehlen.
Stadtführerin Elke Roschmann (M.), profunde Kennerin der Historie, lässt die Geschichte und Geschichten der Stadt Hoyerswerda aufleben. Neubürgerin Katrin Visser (r.) nutzt die Gelegenheit, ihre neue berufliche Heimat unterhaltsam kennen zu lernen. Der spannende Rundgang ist zu empfehlen. FOTO: Steffen Rasche
Hoyerswerda. Katrin Visser (27) ist neu in Hoyerswerda. Als Tierpflegerin ist sie im Vogelrevier des Zoos taufrisch ins Berufsleben gestartet – und damit praktisch gleich mitten in der spannenden Historie der Stadt gelandet. Kathleen Weser

Neugierig folgt sie dem jüngsten Rundgang durch die Altstadt unter fachfraulicher Führung von Elke Roschmann.

Bedächtigen Schrittes spaziert auch einer der Braunbären des heiß geliebten Tierparkes der Zuse-Städter am Wallgraben entlang. Badelustig ist der mächtige Pelzträger nicht. Und das ist gut für den Wasserhaushalt und damit die alten Schlossmauern. Denn der Verlust des Nasses im Wasserlauf durch das Toben und Baden der Bären muss ständig ausgeglichen werden. Die historischen Fundamente der einstigen Wasserburg brauchen den Wasserdruck, damit die geschichts trächtigen Grundmauern aus Granit standhaft bleiben.

Das Schloss Hoyerswerda ist das älteste Gebäude der Stadt. Datiert auf das 13. Jahrhundert. Den Nachweis haben Archäologen erst vor gut 30 Jahren erbracht, als bei Bauarbeiten an der Brücke im Erdreich Knochen, Scherben und Münzen gefunden wurden. Graf Hoyer von Friedeburg, ein waschechter Deutscher, war aus dem Mansfelder Land in das sorbische Siedlungsgebiet gekommen. Er ist in einer Urkunde aus dem Jahr 1272 als Burgbesitzer benannt - und gilt als möglicher Stadtgründer und damit auch Namenspatron von Hoyerswerda.

Die Grenzfeste zwischen Böhmen und Brandenburg hat wechselnde Herrschaften und turbulente Jahrhunderte erlebt. Als wahres Hussitennest ist Hoyerswerda von den Truppen des katholischen Sechsstädtebundes belagert worden. Elf Monate lang wurde die Burg berannt, völlig zerstört und dann als Renaissanceschloss neu errichtet. Der Saal mit dem Kreuzgewölbe ist aus der Zeit erhalten. Bis zu 2,50 Meter dick sind die Mauern gebaut - aus Granit bis hinauf ins zweite Obergeschoss.

Das ist erst jüngst bei den noch andauernden Renovierungen zutage getreten: Die Bohrgeräte haben rasant gelitten an den Wänden aus dem harten Gestein, die zuvor aus Ziegeln aufgemauert vermutet wurden. Der Zeitplan der Sanierung ist deshalb aus den Fugen geraten. Nun schreitet sie flott voran. In wenigen Wochen soll das Gerüst vor dem Schlosseingang fallen.

Der Dreißigjährige Krieg brachte Plünderer und Seuchen - und mit dem Prager Frieden schließlich die kursächsische Herrschaft über Hoyerswerda. Die Zeit war damit reif für die Ära der Reichsfürstin Ursula Katharina von Teschen - der aktuellen, aber faktisch schon abgelegten Mätresse des Kurfürsten. Denn August der Starke hatte bereits ein Auge auf die Gräfin Cosel geworfen.

Die schöne, kluge und emanzipierte Teschen, auch Mutter eines der neun anerkannten Kinder der elf Mätressen des Monarchen, wurde nach Hoyerswerda abgeschoben. Denn das Schloss stand leer. Und die Reichsfürstin, die nach Warschau und Dresden plötzlich im kleinen Hoyerswerda gelandet war, muss einen echten Kulturschock erlitten haben. Das stellt Elke Roschmann fest. Doch die Teschen hat aus dem Schloss im

1000-Einwohner-Ort mit sorbischen Bauern einen würdevollen Fürstensitz gemacht, Handwerker privilegiert und Geld in die Stadt gebracht. Damit hat sie viel für Hoyerswerda getan. Und das ist bis heute auch eindrucksvoll erlebbar.

Die sächsische Postmeilensäule auf dem Marktplatz der Altstadt erzählt auch spannende Geschichte. Der Kurfürst hatte den Pfarrer Adam Friedrich Zürner aus Skassa damit beauftragt, alle wichtigen Post- und Handelsstraßen in Sachsen zu vermessen. Als Grundlage für die einheitliche Berechnung der Postgebühren.

Doch in Hoyerswerda geht die Rechnung nicht mehr auf. Geschuldet ist das der wechselnden Landeszugehörigkeit. Die sächsische Meile ist 9,062 Kilometer lang. Doch Hoyerswerda ist mit Sachsen auf der Verliererseite Napoleons mit dem Wiener Kongress 1815 als Provinz Sachsen dem Preußenland zugeordnet worden. Das hatte auch zur Folge: Die sächsischen Meilen wurden aus der Hoyerswerdaer Postmeilensäule herausgeschliffen und durch das preußische Maß ersetzt - das entspricht 7,5 Kilometern. Und fortan war der feste steinerne Fahrplan am Hauptweg zwischen Königsbrück und Dresden völlig unübersichtlich geworden.

Die Stadtväter haben die Distanzsäule, die mehrfach umgezogen war, aber ins alte Zentrum zurückgeholt. "Hier gehört sie auch hin", bekräftigt die Stadtführerin.

Elke Roschmann, die Thüringer Wurzeln hat, liebt die Geschichte und Geschichten von Hoyerswerda. Das ist in jedem Wort spürbar. Die Stadt ist liebevoll saniert worden, auch in privatem Engagement. Die alte Apotheke am Marktplatz ist ein Beispiel dafür. Ladenbesitzer und Dienstleister haben es hier schwer. Denn der Handel, der auf der grünen Wiese entstanden ist, schwächt das Zentrum.

Das kleine Landstädtchen war deutlich lebendiger, als die sorbischen Hochzeits- und Beerdigungszüge noch mitten über den Marktplatz zur Kirche zogen - vorbei am Rathaus, an dessen Portal übrigens auch das aktuelle Kilometermaß als Stein gesetzt worden ist.

Über den letzten noch offenen Elsterarm, den Mühlgraben, geht es weiter zur Langen Straße. In der Schwarzen Elster wurden früher Wäsche gewaschen, die Abwässer eingeleitet - und Trinkwasser gewonnen, auch zum Bierbrauen. Die Stadtführerin zitiert aus einer überlieferten Quelle verlässlich die amtliche Anweisung: "Hiermit wird bekannt gemacht, dass niemand in die Elster kackt, denn morgen wird gebraut."

Nach verbaler Bekanntschaft mit dem Hoyerswerdaer Landschwein, einer eigenen Rasse mit Schlappohren und prägnantem Hals, die auf dem nahen Ferkelmarkt ein Kassenschlager war, wird die Lange Straße erkundet. Die gewundene Trasse folgt dem längst verrohrten alten Elsterlauf.

Die Idee, die Gasse mit den kleinen Häusern zur Handwerkermeile zu machen, wurde nach der Wende aus Geldnot nicht weiter verfolgt. In Privathand sind die meisten der Häuser aber liebevoll saniert worden - und bis zur Kanonenkugel aus dem Siebenjährigen Krieg einen Besuch wert.

Die Postmeilensäule.
Die Postmeilensäule. FOTO: str