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Probleme wie schon in Hoyerswerda

FOTO: mdr
Hoyerswerda. Eine Stippvisite in Spanien haben vor Kurzem Vertreter der Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Demokratie und Lebensperspektiven (RAA) gemacht. Im Rahmen der Projektgruppe "Bildungsaktive Mittelstädte in Europa" besuchten sie die spanische Stadt El Prat de Llobregat in der Region Barcelona. Dabei ging es auch um die Auswirkungen des deutschen Werbens um junge Fachkräfte auf die spanischen Städte, aber auch um das dortige Kita-Sytem als Vorschule. Mandy Decker

"Wir tragen als Stadt dieselbe Verantwortung für unsere Bildungslandschaft wie Bund, Länder und Landkreise", sagt RAA-Vorstandsvorsitzende Helga Nickich und zeigt die Problemlage auf, die das Projekt "Bildungsaktive Mittelstädte in Europa" schließen soll. Denn innerhalb des föderalen Systems geraten die unteren kommunalen Ebenen aus dem Blick- und Handlungsfeld des Gesetzgebers, so Nickich. Füllen könne die vornehmlich finanzielle Lücke nach Ansicht der Arbeitsgruppe der Fördertopf des europäischen Bildungsprogramms "Erasmus", dessen Anerkennung die beteiligten Mittelstädte anstreben. Zum Projekt gehören daher unter anderem Städte aus Deutschland, Spanien, Tschechien, der Slowakei und Griechenland.

Gemeinsam möchten die Vertreter Lösungsansätze für ein grundsätzliches Problem ländlicher Räume entwickeln. "Kinder und Jugendliche leben nicht in Bund und Land, sie leben in einer Kommune. Wenn wir den Übergang zur Arbeitswelt nicht vor Ort lösen, sind sie weg und wir überaltern oder produzieren uns unsere eigenen sozialen Probleme", erklärt Evelyn Scholz, Geschäftsführerin der RAA und Leiterin der Koordinierungsstelle Bildung der Stadt Hoyerswerda.

Die Definition der "bildungsaktiven Mittelstadt" beschreibt Städte und Gemeinden in der unteren kommunalen Ebene mit 30 000 bis 100 000 Einwohnern, die die Themen Bildung und Bildungskoordinierung ins Zentrum ihres kommunalpolitischen Handelns gestellt haben und sich über das Pflichtmaß hinaus von kommunaler und bürgerlicher Seite her engagieren. Hoyerswerda habe dies seit dem Jahr 2005 unter anderem durch den Beschluss der Handlungskonzepte "Fit fürs Leben" und "Bildung" in den Jahren 2006 und 2012 sowie durch die Installation der Koordinierungsstelle Bildung unter dem Dach des Rathauses bewusst realisiert, sagt Evelyn Scholz. Sie werde als Leiterin der Koordinierungsstelle mitunter nach Sinn des Mitwirkens in den Initiativen gefragt. Scholz meint "Wir können von den Erfahrungen anderer partizipieren und wir geben unsere Erkenntnisse weiter. Denn wir haben auch ein eigenes Licht, das nicht unter den Scheffel zu stellen ist." Durch die Aufnahme in Erasmus könnten beispielsweise länderübergreifende Praktika ermöglicht werden, in denen Sozialarbeiter und Fachkräfte in einen praktischen Erfahrungsaustausch treten. Lernen könne jeder von jedem, ergänzt Helga Nickich. Beispielsweise sei das spanische Kita-System in seiner inhaltliche Ausrichtung als "Vor-Schule" durchaus ein genaues Hinsehen wert.

Man habe ein Grundverständnis für die Probleme vor Ort entwickeln können, sagt Evelyn Scholz im Rückblick auf den dreitägigen Arbeitsbesuch in El Prat de Llobregat. Man schaue auch mal mit anderen Augen auf die Sachlage, als nur über Presse und Fernsehbilder. Sie hätten erfahren, dass man sich in Spanien genauso für die Jugendlichen engagiert wie hier. "Dieselben Probleme sind bei uns gerade mal zehn oder 15 Jahre her", sagt Helga Nickich und ruft sich und anderen die Berufsvorbereitungsklassen (BJV) ins Gedächtnis. Auch in Deutschland sei es eine Zeit lang so gewesen, dass Jugendliche mit besten Abiturzeugnissen in ganz normale Facharbeiterberufe gegangen seien und so das Lehrstellenangebot für Real- und Hauptschüler schmälerten.

Kritisch blicke man von spanischer Seite aus das Angebot der Bundesregierung, die Jugendlichen zur Ausbildung nach Deutschland zu holen, berichtet Helga Nickich. Man befürchte, die jungen Leute würden langfristig die deutschen Fachkräftelücken füllen. Dabei brauche Spanien seine jungen Leute selbst, damit sie den notwendigen wirtschaftlichen Aufbau ihrer Heimat leisten, zitiert Nickich ihre Gesprächspartner.

Trotz oder gerade wegen der Vor-Ort-Gespräche mit den Bildungsakteuren der beteiligten Städte warnt Helga Nickich vor einer Verallgemeinerung der lokalen Gegebenheiten. "Wir können die Probleme und Ansätze von El Prat de Llobregat nicht auf ganz Spanien übertragen", erklärt sie. El Prat de Llobregat sei keine arme Region, nur eben eine Stadt ohne neue Arbeitsplätze. Daher sei die Kommune in der Lage, Maßnahmen zur Bewältigung der Ausbildungskrise in gewissem Rahmen aus der Stadtkasse zu bezuschussen. Im slowakischen Trnava aber werde sich die Lage sicher wieder anders darstellen. Dort ist die Arbeitsgruppe im Juli zu Gast.

Zum Thema:
"Bildungsaktive Mittelstädte in Europa" ist eine Facharbeitsgruppe der "Weinheimer Initiative", einem Verbund von Städten und Landkreisen, der sich seit seiner Gründung 2007 mit einer förderlichen Rahmengestaltung des Überganges junger Menschen von der Schul- in die Arbeitswelt beschäftigt. Sprecher der Weinheimer Initiative ist neben dem Weinheimer Bürgermeister auch der Oberbürgermeister von Hoyerswerda, Stefan Skora. Finanziert wird die Arbeit durch die Freudenbergstiftung und die 13 Mitgliedsstädte und -gemeinden.